Von Wolfgang Boller

Photomodell Ines posierte für die Hamburger Campingausstellung. Vollständiger Titel: „Norddeutsche Ausstellung Camping, Wochenend und Wassersport mit Gebrauchtwagen-Schau.“

Das Mädchen mit kupferfarbenem, seidenweichem Haar bis zum neunzehnten Rückenwirbel verschönte die merkantile Szenerie der Ausstellungshallen und verzauberte gar, zum Entzücken der lokalen Pressephotographen, das Urlaubsgerät unter dem Himmel von Regengrau und Neonlicht in ein Ferienidyll ungestümer Erwartungen: Ines im Gartenpavillon vor einer Wand bunter Sonnenschirme, Ines im Komfortzelt, Ines mit siegesgewisser Placierung ihrer hübschen Füße an der Wohnwagentür (Modell „Schwalbennest“) und später mit geflochtenen Zöpfen am ausstellbaren Rückfenster. Schöne, allgegenwärtige Ines.

In der Ausstellung mit dem langen Namen wurden die Träume mitverkauft. Im Sommer aber, wenn Ines nicht mehr da ist, muß sie jeder für sich im Kämmerlein von Trevira zu Ende träumen.

Etwa den unsterblichen Schrebergartentraum vom Pavillon aus grün und weißem Porzellan: 1968 ist das eine Rotunde aus weißlackiertem Stahlrohr und blauen Baumwollplanen mit einem Dach wie ein Kaffeewärmer. Man kann diese Gartenlaube 68 (Platz für zwölf Personen, sehr eng) in fünf Minuten abbauen. Denn das Zeitalter ist auch in der Seßhaftigkeit mobil. So wie es seßhaft ist in der Unruhe, die so viele Menschen beherrscht.

In Deutschland gibt es schätzungsweise sechs Millionen Zeltnomaden mit der bürgerlichen Illusion von der unbürgerlichen Freiheit. 16 000 Campingplätze in Europa und Nordafrika, vielleicht aber auch 18 000 (in Westdeutschland 1200), sind die Ziele ihrer Unrast. Die meisten sind Beamte und Angestellte, und es werden ihrer immer mehr: jährlich ungefähr 600 000. Zu 40 Prozent suchen sie das Vergnügen ihrer bezahlten Ferien im eigenen Land. 1966 gaben sie für ihr einfaches Leben in Deutschland und jenseits der Grenzen 560 Millionen Mark aus (Statistisches Bundesamt). Gegen dieses einfache Leben schirmen sie sich aber zugleich mit schier unvernünftigem Komfortverlangen ab. Sie wollen auf der grünen Wiese den Kühlschrank nicht missen und, trotz Alpenglühen und südlichen Sonnenuntergängen, möglichst auch nicht das Fernsehen.

Die Zugvögel der frühen Jahre, die mit Klampfen und armen Segeltuchplanen, hätten solche Vollschutzzelte („sturmfest bis Orkanstärke“) mit wasserdichter Bodenwanne, einem zweiten Dach über dem ganzen Zelt („hellgründige Decke mit einem geschmackvollen bunten Muster bedruckt“), mit Klarsichtfenster, Sisalteppich und katalytischem Heizofen („... der ohne Flamme brennt, den man sogar umwerfen kann“) sicher verachtungsvoll gemustert. Das Komfortzelt auf dem überfüllten Campingplatz hat mit ihrem liederseligen Aufbegehren nichts gemein. Dieser Luxus auf Gummirädern, die baumwollgefütterten Schlafsäcke zum Wegwerfen nach einigem Gebrauch, die Zweitzelte, das Camping-Mobiliar für die gute Campingstube, das Geschwätz von Trockenklo, Stauraum und Gemütlichkeit... Nichts.