Europa hat die amerikanische Herausforderung angenommen. Das versicherte jedenfalls Dr. Pretsch, Ministerialdirigent im Bundesforschungsministerium, vor Experten der Atomindustrie in Karlsruhe. Europas Antwort ist nach seiner Meinung der „schnelle Brutreaktor“, mit dem die Alte Welt zu den USA aufgeschlossen habe.

Allerdings – dieser Reaktortyp existiert erst auf dem Papier. Aber inzwischen ist die Grundlagenforschung, die in der Bundesrepublik vor allem von der Gesellschaft für Kernforschung (GfK) in Karlsruhe betrieben worden ist, weitgehend abgeschlossen; das Projekt liegt jetzt in den Händen der Industrie, die bis Ende 1969 Festpreisangebote für Prototypen abgeben soll.

Es wird zwei Prototypen geben, denn die Forschung geht in zwei Richtungen: Den dampfgekühlten Typ propagieren die einen, den natriumgekühlten die anderen. Wer auf das richtige Pferd gesetzt hat – so Professor Häfele von der GfK – läßt sich heute noch nicht sagen. Erst die Prototypen werden darüber Auskunft geben können.

Diese Zweigleisigkeit kostet Geld. Alles in allem rechnet man für jede der beiden Entwicklungslinien mit einem Aufwand von einer Milliarde Mark Eine dieser beiden Milliarden ist möglicherweise zum Fenster hinausgeworfen – nur weiß man nicht, welche der beiden es ist. Die Wissenschaftler sind der Meinung, daß man beide Wege gehen muß.

Die Chance sei groß genug, um den doppelten Einsatz zu rechtfertigen; denn eine Senkung der Stromerzeugungskosten um nur 0,15 Pfennig je Kilowattstunde – die der „schnelle Brüter“ zumindest ermögliche – bedeute für die Volkswirtschaft in den Jahren von 1980 bis 2000 eine Ersparnis von rund acht Millionen Mark. Und die Zweigleisigkeit erhöhe die Chance, schon 1980 und damit vermutlich vor den USA, einen Leistung reaktor mit 1000 MW auf den Markt bringen zu können. hgk.