Zu übersehen ist er gewiß nicht, dieser „Edamer“ aus hochmodischem Polyester: 1,55 m hoch, breit und tief liegt er, außen knallrot, im „Anschnitt“ dottergelb, halb fliegende Untertasse und halb Kreisel, auf grauem Spannteppich im Zürcher Kunsthaus. Aber was daran ist Experiment? Was ist – abgesehen davon, daß ein Schweizer Künstler einen Edamer erstellt hat und nicht einen Emmentaler! – überraschend, neu, kühn?

Das freilich ist eine Frage, die sich nicht nur beim Anblick des „Edamer“ stellt, sondern bei den meisten Exponaten dieser Zürcher Ausstellung, die 143 Werke von 31 Schweizer Künstlern im Alter von 25 bis 42 Jahren zeigt.

Deja-vu-Erlebnisse ohne Ende: Zu Manfred Schochs bunt versetzten Quadraten fällt einem nichts ein als der Name Vasarely, Willi Müller-Brittnau hat bei Indiana gesehen, daß man Grün, Blau und Rot so gegeneinander versetzen kann, daß dem Betrachter sich der Magen umdreht, Pierre Haubensack bewegt sich nur allzu deutlich auf den Spuren von Thomas Lenk. Wege und Experimente? Ausgetretene Pfade und viele Vorbilder.

Gewiß, es gibt auch Ausnahmen von dieser ermüdenden Erfahrung, vor allen Dingen in den den Spielen der Kinetiker gewidmeten Räumen. Karl Gerstners großes „Texturbild“ aus Aluminium, von wechselnden Kreis- und Rastermustern überzogen und von wechselndem Licht bestrahlt, funkelt und glitzert in immer neuen Konturen. Im gleichen schwarz ausgeschlagenen Kabinett leuchten Angel Duartes auf schwarz bemaltem Sekuritglas eingeritzte und von Neonlicht zum Leben erweckte Fadengespinste auf wie Scheinwerferstrahlen am Nachthimmel. Und Christian Megert verwirrt den Betrachter immerhin so lange, wie dieser zwischen seinen ständig sich bewegenden und reflektierenden Spiegelgehängen und dem gegenüberhängenden kreisrunden „Zoom“-Spiegel, der sich abwechselnd konvex und konkav zusammenzieht, hindurchgeht. Daß man diese Spiegel-Scherze auch vom Jahrmarkt her kennt, soll kein Einwand sein – im Gegenteil, was man bei dieser jungen Schweizer Kunst, so, wie sie sich in einem Ausschnitt hier repräsentiert, vermißt, sind ein bißchen Witz, Wagemut, Aggressivität. Sie alle haben brav ihre Lektion gelernt, sind in ihrer Information durchaus auf dem letzten Stand, aber wer von ihnen hat die lässige Ironie von Allen Jones, die glatte Härte von Lichtenstein oder die wohlkalkulierte Nonchalance von Oldenburg? England und Amerika sind erschreckend anwesend in den Räumen des Zürcher Kunsthauses, so anwesend wie es Industrie und Börse nie gestatten würden, aber eben nur als übermächtiges, erdrückendes Vorbild, nicht als Anregung, die noch Raum für Eigenständigkeit ließe.

Daß diese Ausstellung trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, von großer Bedeutung ist, versteht sich von selbst. Vom reinen Informationswert einmal abgesehen gibt sie Gelegenheit, Gruppierungen, Einflüsse, Querverbindungen, aber auch Rangunterschiede in der heutigen Kunst auszumachen, die ja, auch das zeigt diese Ausstellung wieder, von allem Anfang an international stattfindet. Es wird gewiß manchen Kritiker geben, der über dem „Edamer“ von Herbert Distel noch die „Baked Potato“ von Claes Oldenburg entdeckt. Aber welcher Art die Erkenntnisse auch immer sein mögen: Gesamtübersichten wie diese sind notwendig und nützlich, und es wäre dringend zu wünschen, daß auch bei uns sich ein größeres Kunstinstitut endlich einmal zu einer derartigen Ausstellung aufraffte.

Petra Kipphoff