München 1958: In einem Saal der Bayerischen Akademie saßen deutsche, tschechische und slowakische Historiker an einem Tisch und unterhielten sich über die Beziehungen ihrer Völker in den Jahren zwischen den Weltkriegen. Kaum eine Zeitung hat darüber berichtet. Aber war es nicht bemerkenswert, daß gerade in dieser Stadt, deren Name für die Tschechen noch immer ein Trauma ist, zum erstenmal auf deutschem Boden eine solche Begegnung stattfand?

Es ging höflich, sogar freundschaftlich unter den Gesprächspartnern zu. Dabei wurden auch heiße Eisen angerührt: die Rolle der Henlein-Partei, die Appeasement-Politik des Benesch-Regimes vor 1937, die Blindheit der deutschen und tschechischen Kommunisten vor der aufkommenden Gefahr des Nationalsozialismus. Beinahe leidenschaftslos, mit wissenschaftlicher Kühle wurde doziert und diskutiert.

Veranstalter dieses Kollegs „Ostpolitik im Kleinen“ war das Münchner „Institut für Zeitgeschichte“, das dieser Tage volljährig geworden ist. Schon seit Jahren hat sein Direktor, Helmut Krausnick, Kontakte zu osteuropäischen Wissenschaftlern angeknüpft; seit einiger Zeit besteht ein reger wissenschaftlicher Austauschverkehr, zumindest mit Prag und Preßburg. Aber auch Besucher aus Polen, Jugoslawien und der Sowjetunion machten schon Station in dem Münchner Institut.

Krausnick ist es gewohnt, daß ihm Redakteure der „Nationalzeitung“ und Funktionäre der Sudetendeutschen Landsmannschaft solche Kontakte verübeln. Im Lager der „nationalen Rechten“ ist man ohnehin nicht gut auf das Institut zu sprechen, seit Krausnick Redakteure des „Spiegels“ mit hieb- und stichfestem Material versorgte, damit sie den amerikanischen Hitler-Apologeten Hoggan widerlegen konnten. Als dessen Buch in Deutschland auf den Markt kam und die Gemüter zu verwirren drohte, erfüllte das Institut für Zeitgeschichte in besonders augenfälliger Weise seinen politisch-pädagogischen Auftrag, indem es mit Hilfe von Dokumenten die Hogganschen Kriegsschuldthesen als Geschichtsklitterung entlarven konnte.

Zwei Aufgaben waren dem Institut bei seiner Gründung zugedacht worden: Es sollte zeitgeschichtliche Dokumente, vor allem aus der nationalsozialistischen Zeit, sammeln, sichten, nachweisen und auch publizieren, zugleich aber die politische Bildung in der Bundesrepublik anregen. Als Geburtshelfer dieser für deutsche Verhältnisse ungewöhnlichen Einrichtung – Zeitgeschichte war seit eh und je ein umstrittenes Grenzgebiet der Forschung – betätigten sich damals die Ministerpräsidenten der amerikanisch besetzten Länder Bayern, Württemberg-Baden, Hessen und Bremen. Von der Stiftungsurkunde im Oktober 1947 bis zur Konstituierung vergingen noch drei Jahre, in denen Geld und Akten nur spärlich flossen und Politiker und Gelehrte sich über Organisation und Aufgaben nicht einig werden konnten.

Die Bilanz von zwanzig Jahren ist beachtlich. Archiv und Bibliothek genießen weltweiten Ruf. Mit 54 000 Bänden, darunter seltene Publikationen der Nazizeit, ist sie heute die deutsche Zentralbibliothek für Zeitgeschichte. Von großem Wert ist das Dokumentationswerk zur Geschichte und Vorgeschichte der nationalsozialistischen Zeit, das zum Teil durch großzügige Spenden der Fritz-Thyssen-Stiftung finanziert wurde. In den Kellern des Instituts lagern heute über 1500 Mikrofilmrollen mit Aufnahmen von mehr als zwei Millionen Blatt wichtiger Akten, ferner die Protokolle von 950 Urteilen aus NS-Prozessen, ein fast kompletter Satz der Nürnberger Prozeßakten mit Fotokopien von 60 000 zumeist ungedruckten amtlichen Dokumenten, mehr als tausend Aussagen überlebender Zeugen und eine Reihe von Nachlässen, darunter als jüngste, vielversprechende Erwerbung die Unterlagen des ehemaligen Staatssekretärs im Reichsfinanzministerium, Dr. Hans Schäfer (zwölf Stenoblöcke, 31 Ringordner und andere Akten aus den Jahren 1927 bis 1938). Der überaus differenzierte Generalkatalog des Archivs enthält rund 160 000 Sach- und Personennachweise.

Man sieht es diesen Zahlen nicht an, welches Pensum an archivalischer Arbeit bewältigt werden mußte, um diese Bestände zu erschließen und zu katalogisieren. Und man fragt sich, warum eigentlich noch einmal Millionensummen aufgebracht werden sollen, um in Berlin ein „Internationales Dokumentationszentrum“ einzurichten („Wannseevilla-Projekt“), in dem alle zeitgeschichtlichen Archivalien aus dem In- und Ausland auf Mikrofilm aufgenommen werden sollen. „Das Material zu besitzen, heißt noch nicht, eine Dokumentation zu besitzen“, sagt Dr. Hoch, der Leiter des Münchner Archivs. Es würde Jahrzehnte dauern, und man müßte einen riesigen Stab von Mitarbeitern beschäftigen, um die Millionen Schlagwörter für den Katalog einem Computer zuzuführen. Jedes Aktenstück, jeder Filmabzug müßte erst gelesen werden. So bestechend der Gedanke auch sein mag, alles Material über den Nationalsozialismus an einem Ort verfügbar zu haben, es wird praktisch nicht möglich sein, ganz abgesehen davon, daß gewiß nicht alle Archive ihre Bestände photographieren lassen werden.