Von Joachim Schwelien

Washington, im März

Er hat zu oft den Pulverdampf der Wahlschlachten gerochen, zu häufig das Blut des Gegners und auch der eigenen Wunden geleckt, um der Arena der Politik freiwillig den Rücken kehren zu können: Richard Milhouse Nixon. Unter Eisenhower war er acht Jahre Vizepräsident der Vereinigten Staaten. Jetzt wirft er sich noch einmal ins Getümmel, er will im August Kandidat der Republikanischen Partei werden und sich endlich den Lorbeer der Präsidentenwürde ums Haupt winden, der ihm 1960 von John F. Kennedy mit der winzigen Mehrheit von nur 113 000 Stimmen entrissen worden war.

Nixon hat die größte Aussicht unter allen republikanischen Bewerbern, auf dem Parteitag in Miami zum Bannerträger seiner Partei gekürt zu werden. Wie seine Chancen dann gegen Lyndon B. Johnson stehen würden, läßt sich in diesem Frühstadium des Wahlkampfes noch nicht mit Sicherheit voraussagen. Auf jeden Fall schließt der Texaner im Weißen Haus in sein Nachtgebet die Bitte ein, die Republikanische Partei möge ihm Nixon entgegenstellen; denn mit ihm hofft er, leichter als beispielsweise mit Gouverneur Nelson Rockefeller fertig zu werden.

Das Comeback Richard Nixons ist ein bemerkenswertes Phänomen, das seine Persönlichkeit in ein neues Licht taucht und zugleich verdeutlicht, wie schwer es ist, in der Republikanischen Partei zwischen dem konservativen und dem gemäßigt-liberalen Flügel einen Konsensus herbeizuführen, der ihre große latente Stärke in die Potenz des Sieges umschlagen lassen würde. Vor den Wählern erscheint heute ein anderer Nixon als der „ewige Verlierer“, der nach der Niederlage gegen Kennedy auch noch zwei Jahre später, in der kalifornischen Gouverneurswahl, von dem Demokraten Edmund Brown eine vernichtende Abreibung erlitten hatte. Damals schien es mit seiner Karriere vorbei zu sein; freien Lauf ließ er seinem aufgestauten Groll gegen die Presse, die ihn mit Nadelstichen und höhnischen Karikaturen wegen seines Entenschnabelprofils verfolgt oder ihn sogar als ein brutales Politikermonster dämonisiert hatte. Er schleuderte den Berichterstattern entgegen, sie hätten ihn nun zum letztenmal gesehen – dann zog er sich auf eine einträgliche Anwaltspraxis in New York zurück.

Aber die Klausur dauerte nicht lange. Schon 1964 war Nixon wieder einer der eifrigsten Werber für die Partei. 1966 verhalf seine geschickte Rhetorik vielen Republikanern zum Einzug in den Kongreß. Als er Anfang dieses Jahres seine Bewerbung um die Präsidentschaftskandidatur anmeldete, war die einzige Überraschung, daß er damit verhältnismäßig lange gezögert hatte. Jetzt zeigt die Flut der Meinungsumfragen, daß Nixon schon heute, also ein halbes Jahr vor dem Parteitag, über beinahe die Hälfte der 1233 Delegiertenstimmen verfügt, die zur Nominierung notwendig sind.

Nixon hat an sich so etwas wie eine kosmetische Operation seines „Image“ vollzogen. Sie ist gelungen und hat ihn wieder attraktiv gemacht. Der hemdsärmelige Wahlkämpfer der fünfziger Jahre, der seine Gegner mit der Verdächtigung der Kommunistenfreundlichkeit niederknüppelte, existiert nicht mehr. Richard Nixon kehrt den Staatsmann heraus, der Nikita Chruschtschow in der Moskauer „Küchendebatte“ auf einer amerikanischen Ausstellung in Schach hielt, der Amerikas globale Verstrickungen mit sicherer Hand meistern, dem Land eine neue Führung geben und den Krieg in Vietnam schnell beenden würde. Nixon tritt als der Mann, auf, der die Spannungen zwischen den Rassen in Amerika ohne radikale staatliche Intervention zu beseitigen wüßte. Galt er früher als ein Politiker, der etwas anderes dachte als er sagte, als der „tricky Dicky“, so strahlt er heute solide, unanfechtbare Glaubwürdigkeit aus. Er bevorzugt nicht mehr die Auditorien des Kriegervereins „American Legion“, die zur Proklamation des Superpatriotismus verpflichten, sondern akademische Versammlungen, wo er auf Fragen zu Sachproblemen sicher und gelassen Rede und Antwort steht. Nixon ist gemäßigter geworden und in seinen Ansichten etwas mehr an die republikanische Mitte herangerückt. Dennoch bleibt er der Mann des republikanischen Fußvolkes, das überwiegend konservativ rechtsorientiert ist.