Von Martin Gregor-Dellin

In Klaus Manns unveröffentlichtem Nachlaß befindet sich die interessante Bemerkung, man müsse eine kritische Notenschrift erfinden, einen Kodex von Zeichen, „die man einer Buchkritik voraussetzen könnte, so etwa wie vor einem Musikstück Schlüssel und Tonarten angegeben sind“; und das, damit man wisse, mit welcher Kategorie von Büchern man es zu tun habe, auf welchem Niveau man sich befinde. „Da dieser Zeichenkodex fehlt, wird der Leser oft getäuscht und in die Irre geführt.“ In der Tat gehört es zu den Fatalitäten der Kritik, daß sie mit Büchern von höherem Anspruch auch strenger verfährt, unbedeutende aber zuweilen durch eine gewisse Gleichgültigkeit der Rezension ungebührlich aufwertet.

Das gilt vor allem für Sammelwerke und Anthologien. So empfiehlt es sich, die folgende und sehr lesenswerte Neuerscheinung von vornherein vorsorglich durch einige Kreuze zu „erhöhen“ –

„Erzählen heute“ – Neun Geschichten aus unserer Zeit, ausgewählt von Kritikern aus Amerika, Dänemark, Deutschland, England, Finnland, Frankreich, Holland, Italien und Schweden; Carl Hanser Verlag, München; 276 S., 17,80 DM.

Der Band, der gleichzeitig in acht ausländischen Verlagen erschienen ist, enthält unveröffentlichte Erzählungen aus neun Ländern, die von Kritikern vorgeschlagen worden sind. Selbstverständlich besitzen neun Kritiker neun verschiedene Vorstellungen von Literatur. Sie wußten voneinander nichts, und offenbar sollten sie das auch gar nicht.

Wonach wählten sie aus? Nach welchem Prinzip? Alte oder junge Autoren? Der jüngste der Schriftsteller, der Däne Christian Kampmann, ist 27 Jahre alt, der in Amerika lebende Pole Isaac Bashevis Singer ist mit 64 Jahren der älteste. Thematisch gab es keine Vorschrift. Bevorzugte man das Experiment oder die konventionelle Erzählung? Beides steht nebeneinander, obwohl die handfesten, die psychologisierenden Storys deutlich in der Überzahl sind. Sie sind es sogar in einem Maße, das der gegenwärtigen Situation erzählender Prosa nicht gerecht wird, vor allem was Frankreich und England betrifft. Trotzdem läßt sich aus dem Titel das Nebeneinander der Stile und Erzählweisen, der themati-’ sehen Ansatzpunkte und darstellerischen Methoden rechtfertigen: So wird heute noch oder wieder erzählt, so wird heute auch erzählt, obwohl Zweifel an der Behauptung der neun Verleger angemeldet werden muß, die Kritiker hätten die „derzeit beste Erzählung in ihrem Lande“ ausgewählt. Es waren wohl nicht immer die besten Kritiker.