Mit Staudämmen haben deutsche Firmen offensichtlich wenig Glück. Erst ging der Assuan-Damm am Nil, dann der Euphrat-Damm in Syrien aus politischen Gründen verloren. In der vergangenen Woche mußte die Bundesrepublik gleich zwei Niederlagen hinnehmen. Einmal beschuldigte Syriens Ministerpräsident Zayen beim Baubeginn am Euphrat Bonn der versuchten politischen Erpressung, zum anderen erteilten Weltbank und Pakistan den Auftrag für den größten Staudamm der Welt, den Tarbela-Damm am Oberlauf des Indus, nicht den billigsten deutsch-schweizerischen Bewerbern, sondern einer französischitalienischen Gruppe (siehe auch Seite 36).

Wie schon so oft bei internationalen Ausschreibungen standen hier wieder einmal rivalisierende europäische Gruppen einem amerikanischen Anbieter gegenüber. Im Wissen um die harte Konkurrenz hatten die Europäer ihre Angebote so niedrig kalkuliert, daß die Amerikaner um fast 50 Prozent teurer waren – aus Furcht vor der Konkurrenz offenbar zu niedrig, da die deutsche Gruppe noch vor Auftragserteilung 50 Millionen Dollar nachfordern mußte (und deshalb wegen Verletzung der internationalen Ausschreibungsregeln aus dem Rennen flog), während ein Vertreter Italiens sarkastisch bemerkte, die Europäer hätten offensichtlich vergessen, ihren Gewinn mit einzukalkulieren.

Wettbewerb – ein integrierender Bestandteil der freien Wirtschaft – ist zweifellos etwas sehr Gesundes, in diesem Fall aber wird der Sinn zum Unsinn. Der Wettbewerb ist nicht ausgeschaltet, wenn der Wirtschaftsraum Europa in Konkurrenz zum Wirtschaftsraum Amerika tritt. Es lassen sich genügend Fälle anführen, in denen amerikanische Konkurrenten bei dem Wettkampf der zersplitterten europäischen Konkurrenten lachende Dritte blieben.

Ein Vorstandsmitglied von Siemens kritisierte: „Es ist zum Verzweifeln. Wenn irgendwo eine Großturbine ausgeschrieben wird, melden sich zwei amerikanische Firmen. Aus Europa bewerben sich gleich siebzehn oder achtzehn Konkurrenten.“ Die Europäer operieren, als ob es eine EWG nicht gäbe.

Die französisch-italienische Gruppe überlegt jetzt, ob sie den unterlegenen Deutschen eine Unterbeteiligung anbieten soll. Aber schon melden sich wieder kleinkarierte Nationalisten zu Wort, die meinen, bei einer Unterbeteiligung sei der deutsche Beitrag nicht deutlich genug sichtbar.

Wer jemals in einem Entwicklungsland war, weiß, daß es darauf nicht so sehr ankommt, weil in einem Projekt ohnehin Maschinen und technisches know how aus vielen Ländern zusammenfließen. Was in dem Bewußtsein der jungen Nationalstaaten schwerer wiegt, ist, daß die Industriestaaten bei der Hebung des Lebensstandards und der wirtschaftlichen Entwicklung mitgeholfen haben.

Elf Jahre nach der Gründung der EWG sind wir noch immer nicht über nationales Kästchendenken hinausgekommen. Wie lange noch wird es dauern, bis die Europäer begreifen, daß ihre Heimat Europa ist?

Wolfgang Müller-Haeseler