Konsequenzen im Fall Dutschke: ein Stadtrat trat ab

Frankfurt am Main

Oberbürgermeister Will Brundert schleppte sich mit einer schweren Grippe in den „Römer“ und stellte sich der Presse. Es ging um den „Fall Dutschke“. Mit heiserer Stimme krächzte der fiebergeplagte Hausherr in das Mikrophon des Hessischen Rundfunks: „Nach eingehender Untersuchung der im Zusammenhang mit der vorläufigen Festnahme von Herrn Dutschke am 29. Februar 1968 strittig gewesenen Fragen, ist als Ergebnis Folgendes festzustellen...“

Was mußte untersucht werden? Am späten Nachmittag des 29. Februar erhielt der Frankfurter Polizeidirektor Jordan einen Anruf von der Spree: Rudi Dutschke sei auf dem Flug an den Main. Der Polizist sah dunkle Gewitterwolken aufziehen, denn zu dieser Stunde waren in der Main-Metropole Tausende von Menschen auf den Beinen, um gegen den Krieg in Vietnam zu demonstrieren. Er entschied, gestützt auf das hessische Sicherheits- und Ordnungsgesetz, Rudi Dutschke sei vorläufig festzunehmen.

Festnahme mißbilligt

Ein Vorgang, der vermutlich im Westberliner Schöneberger Rathaus niemand hinter dem Ofen hervorgelockt hätte. Dort beherrschen rechte SPD-Männer das Feld, die mit der staatlichen Gewalt nicht so pingelig umgehen. Anders in Frankfurt. Hier löste die Polizeiaktion eine „eingehende Untersuchung“ aus. Kein Wunder schließlich, denn diese Stadt liegt in Südhessen, und die südhessischen Sozialdemokraten sind bekannt dafür, daß sie allergisch reagieren, wenn Grundrechte des Bürgers von der öffentlichen Gewalt angetastet werden.

Der Frankfurter Oberbürgermeister weiß das, und so gibt es denn im Rathaus seit langem eine Weisung, daß er über alle polizeilichen Maßnahmen politischen Inhalts oder politischer Wirkung vorher zu unterrichten ist. Das Ergebnis der Recherchen: Polizeidirektor Jordan hatte versucht, den Oberbürgermeister zu erreichen, um ihn nachträglich über seine Aktion zu unterrichten und war dabei durch ein Mißverständnis an den SPD-Stadtrat Kiskalt geraten, der des Oberbürgermeisters ständiger Stellvertreter auf dem Gebiet der Polizei ist. Genauer gesagt: Er war es. Einen Tag nach der Dutschke-Aktion schrieb er einen Brief an Brundert und bat darum, ihn „im Hinblick auf seine vielfältigen Aufgaben und starken Belastungen von der Aufgabe als ständiger Vertreter auf dem Gebiet der Polizei zu entbinden“. Diesem Wunsch wurde entsprochen.