Von Heinz Josef Herbort

Er sehe, sagt Rolf Liebermann, die Aufgabe des Opernintendanten darin, „sämtliche Richtungen, die ihm interessant erscheinen und denen er für die Zukunft einen Kredit gibt, vorzustellen“.

Der achte Komponist, dem der Hamburger Staatsopernchef mit einem Opernauftrag diesen Kredit einräumte, heißt Humphrey Searle, ist 53 Jahre alt, stammt aus Oxford, studierte in London am Royal College und in Wien bei Anton Webern, war Programmleiter der BBC und musikalischer Berater des Sadler’s Wells Ballet; in Berlin gab es 1958 bei den Festwochen seinen Einakter „Aus dem Tagebuch eines Irren“ nach Gogol, in Frankfurt 1964 „Das Photo des Colonel“ nach Ionesco. Für seine jetzt in Hamburg uraufgeführte dritte Oper strich Searle sich selbst aus Shakespeares „Hamlet“ das Libretto zurecht.

Gefragt, was an diesem Stoff ihn besonders gereizt habe, erklärte Searle in der „Welt“: „Daß alles so unmittelbar auf der Bühne geschieht.“

Aktionen also. In der Tat: Shakespeares Handlungsgerüst ist im wesentlichen übernommen, ausgedünnt natürlich und gekürzt. Aber auch erweitert und mit neuen Schwerpunkten versehen. Hamlets Bericht von der Vertauschung der Briefe ist als Szene einbezogen, der Auftritt der Schauspieler nimmt jetzt einen sehr breiten Raum ein, die Fechtszene wurde zu einem umfangreichen Zeremoniell, und eine trauermarsch-begleitete Prozession mit Hamlets Leiche erinnert zum Schluß an Wagners „Götterdämmerung“: Der Komponist gab dem Theater einiges an die Hand für opernhaftes Spektakel.

Die großen Monologe und die bekannt-geläufigen Sentenzen müssen sich daneben sehr bescheiden. Für Searle sind sie offensichtlich nur kleine Einsprengsel, Intermezzi, Ruhepunkte, sie erscheinen in seinem Stück als knappe Reflexionen am Rande, mitten in einem Abgang, sie sind unmittelbar und hart an die angrenzenden Szenen gebunden, zehren von deren Belebtheit, werden von ihnen aufgesogen: Searle schrieb keine Oper für Philosophen, sondern für Liebhaber effektvollen Theaters, sein Hamlet ist keine problematische Figur, sondern ein Vorwand für szenische Abläufe.

Das Stück hat eine Zwölftonreihe als Kompositionsgrundlage, von ihr werden Themen abgeleitet, Erkennungszeichen der einzelnen Personen, sie sind dem Programmheft beigefügt wie früher die Leitmotive den Wagner-Klavierauszügen.