Von Ernst Fischer

Ein tschechischer Schriftsteller erzählte den Teilnehmern an einem Symposion in Wien, daß ein westlicher Romancier ihn gefragt habe, ob es möglich sei, hinter den Eisernen Vorhang zu emigrieren. Gewiß, erwiderte der Tscheche. Aber warum eigentlich?! Weil man dort wegen eines literarischen Werkes wenigstens eingesperrt werden kann. Das ist vorbei! sagte der Tscheche allzu optimistisch. Worauf der andre nicht emigrierte.

Dieser westliche Schriftsteller hatte den Wunsch, einer Welt zu entrinnen, in welcher die geistige Leistung sofort zum Konsumgut wird, keinen Mißstand vertreibt, sondern nur die Zeit. Der Intellektuelle wird so wenig ernst genommen, daß man ihm gestattet, sogar die Wahrheit zu sagen; Bitteres regt den Appetit an. Die Verzweiflung wird zum Welterfolg, die Anklage zur Unterhaltung, und ein geohrfeigtes Publikum klatscht frenetisch Beifall.

Gewiß: der Narrenfreiheit, die dem Intellektuellen in der hochentwickelten kapitalistischen Industriegesellschaft zugestanden wird, sind unsichtbare Grenzen gezogen. Wenn dem freien Wort die Tat folgt, kann der Intellektuelle in Schwierigkeiten geraten, vom Boykott bis zum Eingreifen der staatlichen Exekutive. Auch in der Welt, die sich euphemistisch die "freie" nennt, ist es nicht jederzeit ungefährlich, ein Intellektueller zu sein, also ein eigenwilliger Neinsager. Doch der Normalzustand in dieser Welt, in der die Herrschenden über die massivsten und die differenziertesten Mittel der Information, der Meinungsbildung, der Außenlenkung verfügen, ist die Freiheit des Intellektuellen; er darf durch Kritik irritieren, denn eben die Duldung dieser Kritik dient zum Beweis, wie frei die Welt sei, in der er lebt. Die Negation wird zum Gewürz der Konformität; und eine allumfassende Marktwirtschaft macht auch den Widerspruch zu Ware, um ein echtes oder sorgsam gezüchtetes Bedürfnis zu befriedigen.

In der sozialistischen Welt steht der Intellektuelle einem weniger durchlässigen Machtapparat gegenüber; die Grenzen seiner Freiheit sind nicht nur deutlich sichtbar, sondern auch enger gezogen. Seine Problematik kulminiert im Schriftsteller, der einer nicht durch Gesetz bestimmten und begrenzten, sondern willkürlichen und allumfassenden Zensur gegenübersteht. Doch eben im Widerstand gegen die Zensur, im Kampfe um das freie Wort mit all seinen Finten und Gefahren, Fehlschlägen und Erfolgen, zeigt sich die potentielle Macht des Schriftstellers, des Intellektuellen in einer unfertigen, keineswegs nach Reife schmeckenden sozialistischen Gesellschaft.