Wegen Untergebenen-Mißhandlung vor Gericht

Wertheim, am Main

Auf der Suche nach einem wenig hinkenden Vergleich, gerät Richter Ungerer ins rauhe Mittelalter. Da habe man ebenfalls als besonders wirksamen Geständniskitzel verstockten Menschen mit glühenden Holzscheiten die nackten Fußsohlen angesengt. Dieses historische Folterbild dünkt den zahlreichen Offizieren im Gerichtssaal nun doch ein wenig schief. Sie beurteilen die seltsamen Methoden des Leutnants Schramm, einem Gefreiten die Zunge zu lösen, schlicht als „Dummheit durch Übereifer“. Der Staatsanwalt indes präzisiert diese „Dummheit“ juristisch: Er klagt den 25jährigen Leutnant „der vorsätzlichen Untergebenenmißhandlung“ an.

„Realistisches“ Verhör

Der zackige Zugführer Werner Schramm, der sich auf die Lippe beißt, als ein Vorgesetzter ihm den Hang zur „Kraftmeierei“ attestiert, gab im vergangenen Herbst bei einer freiwilligen 36-Stunden-Übung der 3. Kompanie des Panzerbataillons 363 von Külsheim im Kreis Tauberbischofsheim bei der Demonstration der Partisanenbekämpfung seinen 15 Befehlsempfängern eine kühne Kostprobe seiner Kraft. Er knöpfte sich einen Gefreiten vor. Dieser hatte nämlich als „Partisan“ mit Gewehr und roter Binde nach einem 65-Kilometermarsch vergeblich versucht, seinen Standort zu erreichen, er wurde gefangengenommen. Beim „Verhör“ auf dem Gefechtsstand begehrte der Leutnant Auskunft von dem Gefreiten über den Stand der feindlichen Agenten. Doch der Gefreite Funk, im Zivilleben Student der Betriebswirtschaft, schwieg beharrlich, wie das Kriegsspiel es vorsah.

Da nun vergaß Leutnant Schramm sich und erteilte im flackernden Licht des Lagerfeuers erregt hitzige Befehle: dem Gefangenen mußten Schuhe und Strümpfe ausgezogen werden und aus dem Feuer ließ sich der Leutnant einen ein Meter langen Zweig reichen. Mit der glühenden Spitze strich er über Funks nackte Fußsohle. „Partisan“ Funk schrie vor Schmerzen, gab aber den Standort seiner Mitpartisanen nicht preis. Ohne Zögern wiederholte der Offizier die Tortur. Aber der Partisan übte nach wie vor Treue und Schweigsamkeit. Als Gefangener mußte er die Nacht mit angesengtem Fuß allein in einem Zelt vor der Kaserne verbringen, bis er am Morgen mit Erkältung und Brandfleck aufwachte.

Richter Ungerer stellte dem Angeklagten bei der Vernehmung zur Sache die Gewissensfrage: Ob er sich denn nichts dabei gedacht habe? Doch, der Leutnant wollte die Partisanenbekämpfung möglichst realistisch darstellen. Und schließlich sei ihm solche Kokelei am Fuße selbst widerfahren. Wiewohl der für diese Einlassung vorgeladene Oberfeldwebel beeidet, daß dergleichen niemals bei der Ausbildung des Soldaten Schramm geschehen sei. Der sei nun wirklich kein „gebranntes“ Kind.