Helmut Gollwitzer: „Vietnam, Israel und die Christenheit“; Chr. Kaiser Verlag, München; 103 Seiten, 5,80 DM.

Es ist bekannt, daß sich der Theologe Helmut Gollwitzer zur politischen Verantwortlichkeit von Christentum und Kirche offen bekennt; es ist auch bekannt, daß er sich für die junge Linke in der Bundesrepublik und an der Freien Universität in Westberlin nicht erst seit den letzten Monaten einsetzt. Aber er urteilt nicht nur moralisch-politisch, er kann vor allem politikwissenschaftlich analysieren. Seine erweiterte Rede „Vietnam und die Christenheit“ (sehr sinnvoll, darüber am Vorabend des 17. Juni 1967 zu sprechen!) beweist, daß er sich intensiv mit der Literatur über den Krieg in Vietnam vertraut gemacht hat. Seine sechs Punkte: „Was können wir alle wissen, wenn wir es wissen wollen?“ sind in der gedrängten Form das Präziseste, was derzeit auf Grund der publizierten Quellenlage gesagt werden kann; seine Anmerkungen über den qualitativ (vom Quantitativen gar nicht zu sprechen) anderen Terror von Vietcong und amerikanischer Kriegführung sind notwendig, weil bisher fast überall ungesagt.

Die Christen werden sich mit dem Vorwurf auseinanderzusetzen haben, daß die Gottesdienste „nur noch eine permanente Gotteslästerung“ zu nennen seien, wenn unser Lebensstandard auf Kosten der ärmeren Völker aufrechterhalten wird. Und diejenigen, die den vietnamesischen Krieg wie jeden Krieg verurteilen, sollten sich seinem Diktum stellen: „Wer hier in vornehmer Überparteilichkeit nur beide Seiten zum Frieden mahnt, verharrt im Abstrakten und drückt sich um die konkrete Parteinahme gegen das Unrecht.“

Den gleichen Grad informierter Parteilichkeit kann man Gollwitzer allerdings nicht ganz bescheinigen für seine Analyse des Konflikts im Nahen Osten. Seine unbedingte Stellungnahme zugunsten des Lebensrechtes des Staates Israel läßt ihn bisweilen blind werden für die historisch-soziologischen Ursachen des Krieges. Zum Beispiel hat der gemeinsame britisch-französischisraelische Krieg gegen Ägypten im Jahre 1956 wohl doch einen nur schwer reparablen Einschnitt für die Geschichte der Entkolonisierung des Nahen Ostens dargestellt; Gollwitzer erwähnt ihn nur beiläufig als „Schaden der Sinai-Aktion“.

Daß gerade Israel zumindest auf der diplomatischen Ebene sich keineswegs eindeutig von amerikanischem Unrecht in Vietnam distanziert hat, vielmehr General Dayan, damals noch Privatmann, als wohlwollender Beobachter die amerikanischen Kriegstechniken am Ort studierte (und seine Berichte der Welt zum Nachdruck gab), das erklärt mit die Verbitterung, mit der die anti-imperialistischen arabischen Staaten in diesem konkreten Israel mit dieser konkreten Innen- und Außenpolitik eine Lebensgefahr sehen zu müssen meinen. Trotzdem dürfte die von Gollwitzer aufgezeigte Perspektive die einzig realistische sein: ein sozialistisches Israel im Commonwealth mit sozialistischen arabischen Staaten.

Ekkehart Kippendorff