Auszüge aus der Preisrede von Walter Jens

Was immer er war: Antiquar und Philologe, Kritiker und Pamphletist, Sammler und Dramenschreiber, Theologe, Lyriker und Bibliothekar – zuerst war er Redner; ein Komödiant auf der Rostra und ein Prediger auf den Brettern der Welt; ein Mann, dem es selbstverständlich war, daß die Lustspielschreiber auch in der Kirche ihren Mann stehen würden. Für Johann Melchior Goeze, Lessings orthodoxen Hamburger Widersacher, war das gewiß eine Vorstellung, peinlich zu denken; für Luther, den Terenz-Bewunderer, hingegen und erst recht für Melanchthon – die selbstverständlichste Sache der Welt. Zugleich ein Komödiant und ein Pfarrer zu sein: das hatte, unter dem Aspekt der Lebenswahrheit und heiter-moralischen Lehre, für die Verfechter des humanistischen Schultheaters nichts Befremdliches. Der Rhetor Lessing setzt nur eine alte protestantische Tradition fort und ist durch Luthersche Tischreden-Sätze gedeckt, wenn er schreibt: „Wer zweifelt wohl, daß Molière und Shakespeare vortreffliche Predigten gemacht hätten, wenn sie anstatt des Theaters die Kanzel hätten besteigen wollen ?“

Dem Pfarrerssohn aus Kamenz jedenfalls machte es nicht die geringsten Schwierigkeiten, sich einmal als räsonnierender Lustspieldichter zu betätigen, um sich ein anderes Mal – dann, wenn er des Theatertreibens überdrüssig war – am hohen Witz der Streitschrift und dem komischen Szenarium seiner Brief-Polemiken zu ergötzen. Hinüber und herüber, von der elften zur zwölften Streitschrift gegen den Hauptpastor Goeze, dem Drama „Nathan der Weise“ also, war nur ein winziger Schritt; unterrichtet, erfreut und belehrt werden mußte, der dreifachen Verpflichtung des Redners entsprechend, hüben wie drüben; der Autor brauchte, beim Grenzübertritt, nur den Tonfall ein wenig zu ändern, und gelegentlich noch nicht einmal das.

„Aber das ist ja grundfalsch!“ beginnt, im Lessingschen Schulmeisterton, das 77. Stück der „Hamburgischen Dramaturgie“ – und das, fürwahr, ist ganz aus Major Tellheims Herzen gesprochen, der auch mit einem „Falsch! Grundfalsch!“ sein Gegenüber, in diesem Falle das Fräulein von Barnhelm, zur Raison bringen möchte.

Mag auf der Bühne das Spiel, in der Polemik die Lehre vorherrschend sein: logisches Operieren und dialektisches Raffinement, ein Wirbel des „allerdings“ und des „zwar“, des „einerseits – andererseits“ beherrscht in der gleichen Weise die Stücke wie die theoretischen Schriften. Da gibt es ein Zwiegespräch zwischen Corneille und Aristoteles, da schalten sich Zuhörer ein, da beginnen Parteien in direkter Rede ihre Standpunkte zu analysieren, da verwandeln sich Absätze gelehrter Dispute plötzlich in Komödienszenen, dem erschöpften Gegner wird ein Glas Wasser gereicht, und wenn dann der Superintendent Johann Heinrich Ress nicht mehr ein noch aus weiß, sondern, unfähig, den Kamenzer Höhenflügen länger zu folgen, selig einzuschlummern beginnt und erst durch das Argumentengetöse des sich über ihn beugenden Lessing wieder erweckt wird, dann sieht sich der Leser vollends aus der Wolfenbüttler Studierstube in die Terenzsche Arena versetzt: „Erwachen Sie doch, Nachbar. ich schüttle Sie und frage: Wußte Markus den Umstand, den er überging ... oder wußte er ihn nicht? Schlafen Sie mir nicht wieder ein! Ha, Sie machen große Augen? O Zeter! Der Mann ist schon wieder eingeschlafen!“

Ist das noch eine Streitschrift, oder ist das ein komisch-gelehrter Bühnendisput? – Die Übergänge sind fließend; auch der von Lessing so geliebte Dialog in platonischer Weise kann, wie die Freimaurergespräche beweisen, beiläufig und nebensächlich wie eine Lustspielouvertüre einsetzen. Und was den berühmten Kanzeldialog angeht, in dem Lessing die Rede des Herrn Hauptpastors unentwegt unterbricht, ohne daß der Prediger sich stören läßt, so hat auch dieser Dialog sein Bühnenpendant in dem Gespräch zwischen dem Tempelherrn und dem Patriarchen im „Nathan“. Hier, im Traktat, ein Theaterdisput; dort, auf den Brettern, ein Grundsatzgespräch. Die rednerische Technik ist gleich; die attackierten Gegner sind gleich Eiferer, die mit der Fähigkeit, auf die Argumente ihrer Partner einzugehen, die Menschlichkeit eingebüßt haben – , und auch die verfolgten Ziele sind gleich: Im Kanzeldialog und in den Patriarchengesprächen hat Lessing – Dogmatiker angreifend, die sich nur noch durch nackte Gewalt helfen können, durch Zensur und Verbrennung – die Grenze markiert, hinter der das Reich der Monologe führenden Barbaren beginnt, ein Feld, auf dem nicht mehr gestritten, sondern angeordnet und ausgeführt wird: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt.“

Ob auf der Rostra oder der Bühne: immer wird Gerichtstag gehalten, angegriffen, verteidigt, geurteilt; immer fragt man aus, repliziert und treibt in die Enge. Wenn irgendwo, so wird bei Lessing die Herkunft der Rhetorik aus der Gerichtsrede deutlich; denn seine Szenen sind zuallererst forensischer Natur – „Da steht er, mein unbarmherziger Ankläger“, heißt es von Goeze, „und wiehert Blut und Verdammung“ –, die Anwälte führen ihre Glanzstücke vor, Advokaten und Fürsprecher halten, wie die Marwood in „Miß Sara Sampson“, die niederträchtigsten Plädoyers, Zugereiste und Komplicen – das Fräulein Barnhelm und, in der „Emilia Galotti“, der Mitverschworene Pirro – werden inquisitorisch verhört, Geübte und Ungeübte – hier Nathan und dort Saladin – messen die Kräfte im Wettstreit der Zungen; ein Fall wird bestimmt, ein Verbrechen beschrieben, ein Argumentstil entwickelt.