Von W. M. Riegel

Die Bretagne ist das Bayern Frankreichs ..., meinte schon Kurt Tucholsky. Nicht unrecht hat er. Ein Bayern am Meer. Wappengeschmückte Tafeln („Bienvenue en Bretagne“) machen aufmerksam, daß man in ein Land kommt, das sich sehr bewußt von Frankreich abzuheben und zu unterscheiden liebt. Das bekräftigen am Straßenrand auf sämtlichen Transformatorenhäuschen die Kampfparolen: „Bretagne bretonne!“ (Bayern den Bayern!) Denn auch hier lebt der Separatismus noch immer weiter, und was den Bayern jedenfalls noch in Restbeständen die Bayernpartei, ist den Bretonen ihre Mouvement bretonne oder so ähnlich.

Die Bretagne ist selbst den Franzosen recht unbekannt. Denn mit der Milde der mittelmeerischen Riviera oder den sonnigen Küsten Italiens und Spaniens hat dieses Land für Liebhaber des Herben wenig gemein. Knorrige Menschen und Landschaften, kräftiger Seewind allezeit, das liebt nicht ein jeder.

Alle Wege in die Bretagne führen über Rennes. Die Bretagne ist der Zacken, den Frankreich weit nach Westen hinaus macht, und von Paris bis Brest ist es so weit wie von Hamburg nach Stuttgart. Vier, fünf Tage ist das mindeste, was man für eine Autotour etwa durch die Bretagne haben muß.

Von Rennes aus auf der Straße nach Vannes und zum Golfe du Morbihan kommt man nach Paimpont, dessen mythologiedurchtränkter Forst zwar nur noch ein Restchen des einst die halbe Bretagne bedeckenden Riesenwaldes ist. Dennoch kann man es sich gut vorstellen, daß in diesem Wald der Ritter Perceval (Wagners Parsifal) irrend nach dem Gral suchte. Der historische Ansatzpunkt der Legende ist belegt. Joseph von Arimathia kam mit dem Abendmahlskelch und einigen Tropfen des Blutes Christi hierher. König Arthurs Ritter der Tafelrunde suchten nach dem Gral. Auch die Tristan-und-Isolde-Sage spielt hier. Schließlich: Dieser Waldrest gilt auch als Wohnort des Zauberers Merlin.

Bedeutender wohl und auch eindrucksvoller sind die Megalithenregionen. Die größten und wichtigsten sind in der Region Locmariaquer-Carnac am Golfe du Morbihan: Gewaltige Hünengräber, offen oder in Tumuli, ungeheure Menhire (der größte in Locmariaquer ist 350 Tonnen schwer und war 20 Meter hoch) und vor allem die „Alignements“, kilometerlange, in vielen Reihen nebeneinander laufende Felder von Steinblöcken, religiöse Monumente (3000 allein in der Region Carnac), nach astronomischen Gesichtspunkten gesetzt, 3000 bis 5000 Jahre alt.

Überall ist die Bretagne Meer und Küste, felsige, romantische, wilde Küste, ab und zu dazwischen herrliche Sandstrände. Wer die Küsten der Bretagne sieht, weiß erst wirklich, was das Meer ist. Man kann meilenweit am Meer entlangwandern. Die Côte Sauvage, die Wilde Küste auf der Halbinsel Quiberon, Pointe du Raz, das Sturmkap, der westlichste (Festlands)Punkt Frankreichs, die Kaps Pen-Hir und Espagnols vor der Brester Reede sind Urweltlandschaften.