Am 19. März 1968 wird Josef Albers 80 Jahre alt. Er wurde in Bottrop (Westfalen) geboren, studierte in Berlin, Essen und München und dann am Bauhaus, wo er auf Einladung von Walter Gropius 1925 eine Klasse übernahm. 1933 ging er nach Amerika, ans Black Mountain College in North Carolina. Er war bereits über sechzig, als er eine Berufung an die Yale University in New Haven annahm, wo er bis zu seiner Emeritierung Chairman des Art Department war. Es gibt wohl kaum einen deutschen Künstler, der ein: solche Bedeutung für die neuere amerikanische Kunst gehabt hat wie Josef Albers, der, auf dem Umweg über Amerika, auch von seinen eigenen Landsleuten allmählich wiederentdeckt wird: Albers wird auf der diesjährigen documenta zu sehen sein. Heute lebt Albers, dem zahlreiche amerikanische Universitäten (und, das sei nicht verschwiegen, die Universität Bochum) die Ehrendoktorwürde verliehen, in New Haven.

Sie haben einmal geschrieben, daß Kunst eine Beziehung zum Leben zeige. Läßt sich solche Beziehung denn in Quadraten ausdrücken?

JOSEF ALBERS: In meiner Definition heißt es, daß Kunst die visuelle Formulierung unserer Reaktion auf das Leben ist. Sie sehen, ich vermeide das Wort Expression. Das Wort ist verbraucht worden in den letzten zwanzig Jahren. Im 19. Jahrhundert hat man gesagt: Kunst ist Natur, gesehen durch ein Temperament. Das ist eine Definition, die heute kaum interessiert. Man kann in einem Quadrat genausoviel über das Leben sagen, wie man das durch die Darstellung eines Apfelstillebens tun kann. Dabei kommt es darauf an, ob man gelernt hat, Quadrate wie Gesichter oder wie Figuren zu lesen. Es ist immer eine Sache des Beeindrucktseins – und dann der Überlegung, wie man es visuell-perzeptorisch den anderen vermitteln kann.

Wäre es möglich, daß jemand, der Ihre Quadrate betrachtet, geformt wird, in seinem Willen etwa oder seinem Charakter?

ALBERS: Da muß ich auf meine ganz frühe Zeit in Black Mountain zurückkommen. Dort wurde ich gefragt: Was will Piet Mondrian eigentlich? Ich hab ein bißchen gezögert und dann gesagt: Keep in order. Sich in Ordnung halten, das war Mondrian. Ob das nun jemand herausliest, wird sich zeigen. Daß er aber immer eine ganz strikte Ordnung vorstellt, das hat einen ethischen Sinn.

Dann sehen Sie also zwischen Ethischem und Ästhetischem eine ganz enge Beziehung?

ALBERS: Ja, das kann man sagen.