Sonntag, 3. März, 20.15 Uhr, 1. Programm: „König Richard II,“

Verrat allüberall; ein Mord ist geschehen, aber niemand weiß, wer der eigentlich Schuldige ist; ein König verscherzt mit dem Thron auch die göttliche Gnade: Nein, leicht ist es nicht, das dunkle Märchen von Größe und Fall Richards II. zu inszenieren.

Franz Josef Wild, klug und behutsam wie immer, setzte die Akzente auf das Wechselspiel zwischen dem königlichen Spieler und dem handfesteren Usurpator: ein ebenso ungleicher wie kontrastreicher Zweikampf, ein Streit in der Arena, der auf den oberen Rängen, vom alten Gaunt zunächst und dann, nach dessen Tod, vom Gärtner und vom König selbst, kommentiert wird. Viel Handlung und viel Reflexion also; eine Gelegenheit für den Regisseur, zu beweisen, daß er dramatische und monologisierende Passagen auf einer Spielebene anzusiedeln versteht; Gelegenheit für die Schauspieler, den Umschlag von Aktion in metaphorische Deutung plausibel zu machen.

Beides gelang – und wäre das Bühnenbild nicht gar zu spielzeugartig gewesen, hätte die Wildnis von Glostershire nicht so penetrant nach Leim und Pappe gerochen (daran konnte auch die Tatsache nichts ändern, daß man den König mit echtem Sand spielen ließ) ... makellos hätte sich dieser Abend, dank Wild, Messemer, Verhoeven, Reck und den glanzvoll besetzten Chargen ausnehmen können. Läßt sich – um einmal nur von ihm zu sprechen – ein besserer Richard II. als Hannes Messemer denken? Wie schwer ist diese Rolle, wenn man bedenkt, daß zur Demonstration des königlichen Gnadentums nur eine verschwindend kleine Zeitspanne bleibt: Das Wahren einer Schiedsrichterrolle, ein Befehl, ein hingeworfener Stab, und dann schon die Hybris, der freche Betrug, und dann schon der Beginn der Leidensstraße, die im Kerker enden wird – wie wenig Gelegenheit hat da Shakespeare dem Darsteller des Königs gegeben, um hinter der Maske des Mordhelfers und Günstlingsfreundes das Antlitz eines Gesalbten durchscheinen zu lassen.

Messemer, unbekümmert um Striche – notwendige Striche, gewiß, aber Striche doch auch, die die ohnehin schon unklare Gloster-Affäre weiter verdunkelten – nutzte die Chance und gab dem König gleich zu Beginn einen Anflug von Hamletscher Schizophrenie ... angedeutet nur; nicht mehr als ein Quentchen von Schwermut war da im Spiel. Aber dieses Quentchen reichte aus, um die Ambivalenz der Figur, dieses Ja und Nein und Sich-in-immer-neue-Masken-Flüchten zu verdeutlichen.

Das mit wahrhaft artistischer Beiläufigkeit vorgetragene Entsprechungsspiel von automatenartiger Rede, einem puppenhaft-raschen Marionettengeplapper und der schleppenden Ausdrucksweise der Melancholie ließ diesen Richard schon in der ersten Szene so dreist wie in der Auseinandersetzung mit Gaunt (großartig, wie die lachende Kumpanei, der König mit seinen Getreuen, am Ende des Eröffnungsakts in Kasinofröhlichkeit auf die Kameras zuläuft!) und so zerfahren-würdig wie am Dramenende sein.

Kleine Gesten, einstudierte Winzigkeiten, zeigten von Anfang an die Unordentlichkeit dieses Geistes, die Mischung von charismatischer Anmut und herrenhaften Spielerallüren. Ein Dutzend Sätze genügte, um im König den Volksfeind und im Volksfeind die arme Kreatur, jenen Schmerzensfürsten zu zeigen, der im gleichen Augenblick, da er sein Antlitz im Spiegel betrachtet, die verlorene Hoheit wiedergewinnt.

Welch eine Figur, dieser selbstzerstörerisch gesonnene Saturnier auf dem Thron und im Kerker, Hannes Messemers Richard II.! Momos