Moskau kann, was die Bildende Kunst betrifft, mit Leningrad nicht konkurrieren. Die Eremitage an der Newa hat in der Sowjetunion nicht ihresgleichen – und kaum irgendwo in der Welt. Aber in Moskau besitzen allein das Puschkin-Museum und die Tretjakow-Galerie genügend Werke, um den Kunstliebhaber über die Geschichte vor allem der russischen Kunst bis zur Oktoberrevolution (bis zum „oktjabr“) ausreichend zu informieren. Da scheint es also vollauf gerechtfertigt, diesen Band auf den Büchermarkt zu bringen –

Wladimir Tschnernow und Marcel Girard: „Die Kunstschätze Moskaus und seiner Umgebung“, Photos von Gérard Bertin, Deutsch von Hansjürgen Wille und Barbara Klau; Nagel Verlag, München/Genf/Paris; 216 S., 226 Abb., 115,– DM.

Aber zwischen der Aufgabe, die sich die Autoren gestellt, und dem Ergebnis, das sie erzielt haben, klafft ein Widerspruch. Es wird nicht einmal der Versuch gemacht, ein paar Entwicklungslinien, sagen wir, von Rubljow (fünfzehntes Jahrhundert) bis Repin und bis zur Kunstrevolution unseres Jahrhunderts aufzuzeigen, die ja schon etliche Jahre vor 1917 stattfand. Es werden Beispiele der russischen und der westeuropäischen Kunst reproduziert, herrliche Bilder von Poussin, Rembrandt, Boucher, Renoir, Cézanne, van Gogh, Gauguin, Picasso, Ikonen aus der byzantinischen, der Moskauer, der Nowgoroder Schule, Bilder von Kiprenskij, Repin, Serow und anderen.

Nun, auf eine kunstgeschichtliche Ordnung und Kommentierung könnte man notfalls verzichten (obwohl hier doch gar kein „Notfall“ gegeben ist), wenn die Verfasser nur das Versprechen eingehalten hätten, das im Titel ausgedrückt ist: wenn sie uns konsequent mit Kunst konfrontiert hätten. Aber da sehen wir schon bald Aufnahmen von Gassen, Plätzen, vom GUM, vom Schwimmbad, von Bahnhöfen, die mit dem Thema nichts mehr zu tun haben. Ja, schließlich werden wir nicht nur nach Sagorsk, sondern sogar in das alte Gouvernement Tula entführt, nach Jasnaja Poljana, wo wir unter anderem Tolstois Schlafzimmer, einen der Lieblingswege des Dichters, einen Teich bewundern dürfen. Daß dann später auch Lenin vorgeführt wird und zum Beispiel sein Rolls-Royce und, jawohl, der Toilettentisch seiner Schwester Maria, ist gewiß aufregend, hat aber mit Kunst nichts mehr zu tun.

Die Anarchie der Thematik wird durch die Photographie nicht kompensiert. Das meiste ist so konventionell gesehen, daß man gar nicht merkt, eine wie lebendige Stadt Moskau heute ist. Und der Text, der anfangs sympathisch Moskau-freundlich ist, wirkt nach und nach Verblasen. Einmal heißt’s: „Immer ist sie (die Moskwa) für die jungen Moskauer die unerschöpfliche Quelle von Träumen gewesen, in denen ihre lyrischen Seelen baden.“

Metaphern und Stil sind vielleicht „Glückssache“, aber wenigstens bei den Informationen sollte Genauigkeit herrschen. Wenn von dem Schlachtenmaler Wereschtschagin die Rede ist, sollte er nicht Werschtschaguin geschrieben werden. Der Ort, wo Lenin starb, heißt nicht „Leninskje gorki“, sondern „Leninskije gorki“. Und auf dem Bild 147 wird angeblich „Der Rigaer Bahnhof“ abgebildet. Auf dem Bahnhof selber steht, wie die Photographie zeigt, groß und deutlich („Ja)roslawskij woksal“ (Jaroslawler Bahnhof). Wer da wohl der Analphabet war, der Photograph, die Autoren, der Verleger?

Es wurde nicht viel geistige Arbeit investiert. Verlangt werden 115 DM. René Drommert