Es kam noch schlimmer, als man befürchtet hatte. Auf der zweiten Welthandelskonferenz in New Delhi zirkuliert ein (noch nicht offizieller) Entwurf der Entwicklungsländer über das Entwicklungshilfe-Soll der Industrienationen. Gewiß handelt es sich noch um Maximalforderungen. Auch hätte eine solche Resolution, würde sie von den Entwicklungsländern auf der Welthandelskonferenz durchgepeitscht, keine rechtlich bindende Bedeutung. Dennoch sind die Vertreter der westlichen Industrieländer schockiert, denn die Brisanz der Forderungen ist nicht zu unterschätzen.

Der Resolutionsentwurf fordert praktisch eine Verdopplung der bisherigen öffentlichen Entwicklungshilfe und eine Verdreifachung der öffentlichen plus privaten Hilfe. Die Forderungen richten sich sowohl an die Industrieländer des Ostens wie des Westens. Für die Bundesrepublik Deutschland würde dies eine Steigerung der öffentlichen Netto-Kapitalausfuhr um gut 2 Milliarden Mark jährlich bedeuten.

Auf der ersten Welthandelskonferenz 1964 in Genf hatten sich die Industrienationen bereit erklärt, jährlich ein Prozent ihres Volkseinkommens für Entwicklungshilfe aufzubringen. Sie haben diese Verpflichtung bisher so verstanden, daß Entwicklungshilfegeschenke, Entwicklungshilfekredite, private Lieferkredite und die Summe der Privatinvestitionen in den Entwicklungsländern zusammengerechnet ein Prozent des Netto-Sozialproduktes ausmachen sollten.

Solange die bisherige Milchmädchenrechnung der OECD-Statistiken keine Unterschiede machte zwischen Geschenken und bankgeschäftlichen Exportförderungskrediten, zwischen öffentlicher Hilfe zu Vorzugsbedingungen und gewinnorientierten Direktinvestitionen der privaten Industrie, solange besagte die „Einprozentformel“ nichts über das wirkliche Entwicklungshilfeopfer und über die echte Verteilung der Lasten unter den Industrienationen.

Hohe Zins- und Tilgungszahlungen der Entwicklungsländer an die westlichen Gebernationen beanspruchten 1966 rund 45 Prozent der bilateral gewährten Kreditauszahlungen. Während nach Zahlen des UNCTAD-Generalsekretariats 1965 der Kapitaltransfer für privatwirtschaftliche Direktinvestitionen der westlichen Industrienationen in Afrika, Asien und Lateinamerika 2,9 Milliarden Dollar ausmachte, betrugen die Gewinne der bestehenden Unternehmungen in diesen Ländern 4,5 Milliarden Dollar.

Nun soll nach dem Willen der Habenichtse das Ausmaß der wirklich geleisteten Entwicklungshilfe genau bestimmt werden. Zunächst wird gefordert, daß das eine Prozent Entwicklungshilfe nicht auf das Nettosozialprodukt, sondern auf das Bruttosozialprodukt bezogen wird. Das allein würde die Verpflichtung der Geberländer um etwa 30 Prozent erhöhen. Ferner soll nach den Wünschen der Entwicklungsländer der Anteil der öffentlichen Hilfe auf 0,8 Prozent festgesetzt werden. Die Gebernationen sollen verpflichtet werden, erhöhte Hilfe zu leisten, falls die Privatwirtschaft nicht Nettoinvestitionen in den Entwicklungsländern in Höhe von 0,2 Prozent des jeweiligen Bruttosozialprodukts vornimmt.

Während bisher die Industrienationen alle Auszahlungen zusammenrechneten, soll nach dem Resolutionsentwurf nur noch die Nettohilfe angerechnet werden. Rückkehrende Zinszahlungen, Tilgungen und Gewinne sollen also vom Nominalwert neuer Kapitalübertragungen abgezogen werden. Ferner sollen auch nur solche Kredite als Entwicklungshilfe gezählt werden, die eine Laufzeit von mehr als zehn Jahren haben. Das bedeutet, daß fast alle Exportlieferkredite der Privatwirtschaft nicht gerechnet werden.