New York‚ Anfang März

Wer sich in diesen Tagen und Wochen nach New York aufmacht, um sich dort einen Überblick über den Kunst-(Markt-)Betrieb zu verschaffen, der muß sich auf einen, nein, auf etliche Schocks gefaßt machen. Und auf tausend weitere Überraschungen.

Der Besucher aus dem alten Europa, der sich im „Neuen Rom“ am Hudson River umhört und umsieht, glaubt weder seinen Ohren noch seinen Augen trauen zu dürfen.

Die kunstbeflissene alte Dame, die den Sonntagnachmittag abseits vom lauten Getümmel in der mittelalterlichen Abteilung des ehrwürdigen Metropolitan-Museums zu verbringen gedachte, geriet unversehens an ein 26 mal 3 Meter großes, im Stil von Superreklamen mit grellend strahlenden fluoreszierenden Farben gemaltes „Ungetüm“ des fünfunddreißig Jahre jungen amerikanischen Pop-Künstlers James Rosenquist – und sie geriet außer sich. Das Monumentalgemälde, das seiner außerordentlichen Dimensionen wegen über drei Wände der Galerie verteilt hängt und aus 51 Leinwänden zusammengesetzt ist, stellt – auf dem Hintergrund eines amerikanischen Jagdbombers vom Typ F III – so etwas wie einen gemalten Sozialkommentar zu den Segnungen und Schrecknissen der Welt unserer Tage (Made in USA) dar – von der Glühbirne und der Trockenhaube über den Autoreifen und das Nudelgericht bis zum Atompilz.

Die alte Dame wechselte beim Anblick dieser „Monstrosität“ die Farbe und ihre hohe Meinung vom Metropolitan-Museum: „So etwas müßte verboten werden! Der Mann, der dieses Bild erworben hat, muß ein Irrer sein.“

Der Mann, an den sie sich mit dieser Feststellung wandte, lächelte mitleidig. Es war der New Yorker Taxi-Unternehmen Robert C. Scull, der für das Monumentalgemälde 60 000 Dollar (davon 40 000 Dollar in bar) locker gemacht hatte und dessen große Stunde gekommen war: „F III, von James Rosenquist, Amerikaner. 1965. Öl auf Leinwand, 10 X 36 Fuß. Leihgabe von Mr. und Mrs. Robert C. Scull“ – stand auf einer kleinen Holztafel zu lesen. Triumph der – so lange verschmähten – Pop-Art, Triumph des – bisher belächelten – Sammlers Scull.

Die New York Times, das mächtige Sprachrohr des Establishments, wetterte (gleich zweimal) und bezeichnete das WerkRosenquists als „hochgradigen Kitsch“, als „anmaßend und kindisch in seiner Konzeption“. Die Ausstellung im Metropolitan sei ein „beklagenswertes Ereignis“. Was die konservative Kunstkritik vollends auf die Palme brachte, war, daß das Bulletin des Museums dem Bild gleich drei Aufsätze widmete (darunter einen aus der Feder Sculls!) und daß das „F 111-Scheusal“ in einer Galerie zusammen mit drei Meister-Werken von Poussin (Der Raub der Sabinerinnen), Jacques Louis David (Der Tod des Sokrates) und Emanuel Leutze (Washington überquert den Delaware) gezeigt wurde.