Am Montag und Dienstag gingen abermalseinige Tausend von Warschaus Studenten, Schülern und Jungarbeitern auf die Straße. Sie riefen „Freiheit“, „Demokratie“, „Verfassung“, marschierten zum Sitz des Zentralkomitees der polnischen KP und demolierten das Kultusministerium. Starke Polizeieinheiten und Kommandos der „Ormo“, der Freiwilligenreserve der Bürgermiliz, versuchten den Auflauf mit Gummiknüppeln und Tränengas zu zerstreuen. Die jungen Leute riefen „Gestapo“ und wehrten sich mit Steinen und Flaschen, die sie als Wurfgeschosse benutzten.

Aus den Bürohäusern entlang des Marschweges wurde den Demonstranten zugejubelt, die polnische Zeitungen verbrannten. Parole: „Die Piesse lügt.“ In der Tat hatten die parteiamtlichen Blätter zunächst behauptet, die Demonstrationen seien von der „Bananenjugend“ (das heißt den Kinder reicher Eltern) und von „Rowdys“ angezettelt worden.

Die Warschauer „Trybuna Ludu“ machte am Montag Behörden und Professoren, aber vor allem die Söhne hoher oder ehemals hoher Funktionäre für die Unruhen verantwortlich. Auch antisemitische Töne wurden laut: Unter den Demonstranten, von denen einige bereits von Schnellgerichten zu Freiheitsstrafen verurteilt wurden, seien besonders viele Juden gewesen. „Zionistische Kreise“ hätten sich mit der Bundesrepublik verbündet und die Demonstrationen angezettelt, um die polnische Außenpolitik zu stören.

Den Anlaß der Studentenunruhen hatte die Absetzung des Nationalepos „Totenfeier“ von Mickiewicz Ende Januar gegeben, das die Unterdrückung Polens durch das zaristische Rußland schildert. Die Praktiken der Zensurbehörde wurden Anfang März auch vom polnischen Schriftstellerverband kritisiert. Anfang der Woche war der Anlaß bereits in den Hintergund gedrängt. Demonstranten riefen: „Nehmt euch ein Beispiel an der Tschechoslowakei.“