Nächste Phase: Josephinischer Kommunismus?

Von Theo Sommer

Jedes Volk hat seinen Tag in der Geschichte. Die Tschechen und Slowaken haben lange auf den ihren gewartet, lange darauf warten müssen, aber nun ist er angebrochen.

Nach den dumpfen, unfruchtbaren Jahren des Spätstalinismus hat auch in Prag das Tauwetter eingesetzt. Das große Eistreiben beginnt, ideologische Verkrustungen brechen auf, bürokratische Versteinerung wird gesprengt. Ein freiheitlicher Luftzug weht durch das ganze Land – bis hinüber nach Warschau, wo demonstrierende Studenten mit dem Ruf „Lang lebe die Tschechoslowakei!“ auf den Lippen durch die Straßen ziehen. Paul Sethe und Hans Zehrer, wären sie noch am Leben, würden nicht anstehen, in diesem Augenblick das schöne Bismarck-Wort über den Mantelsaum Gottes, der durch die Geschichte streift, zu zitieren.

In der Tat – Budapest und Sofia, von wo es vorige Woche rituelle Zusammenkünfte kommunistischer Funktionäre zu vermelden gab, haben nur Schlagzeilen gemacht, dürftige Schlagzeilen obendrein. In Prag hingegen, und vielleicht in Warschau, ist Geschichte gemacht worden. Von dort nimmt eine neue Phase osteuropäischer Entwicklung ihren Ausgang: die zweite Epoche kommunistischer Reform seit dem Tode Stalins, und ohne Zweifel die wichtigere.

Die erste Reformepoche begann vor zwölf Jahren, mit dem „polnischen Oktober“ und dem ungarischen Aufstand. Ihr Ergebnis war die Emanzipation der Ostblockländer aus russischer Vormundschaft. Freilich hat sich am Grundmuster der außenpolitischen und der wirtschaftlichen Interdependenz bis heute relativ wenig geändert, nicht einmal im Falle Bukarest. Doch im Inneren verlor das sowjetische Muster seine Verbindlichkeit. Die osteuropäischen Staaten schlugen verschiedene Wege zum Sozialismus ein. Sie hörten auf, Satelliten zu sein; das war das Ende des „monolithischen“ Ostblocks.

In der zweiten Phase, die jetzt anhebt, geht es um mehr als nur um die Befreiung von sowjetischem Zwang; nämlich um die Befreiung der Gesellschaft und der einzelnen Bürger aus der diktatorischen Herrschaft der Partei. Die neue Welle verspricht die Emanzipation der Menschen – auch der Kommunisten – aus Meinungsdruck und Überzeugungszwang. Würde dieses Versprechen erfüllt, dann hätte es auch mit der monolithischen Struktur des Parteiensystems und mit dessen Willkür ein Ende. Ging es vor zwölf Jahren um den Nachweis, daß Kommunismus nicht identisch ist mit blinder Nachahmung alles Sowjetischen, so geht es heute darum, Kommunismus und Freiheit miteinander zu vereinbaren und an die Stelle der Diktatur des Konsens eine Mehrheit der Regierten zu setzen, vom dekretierten Kommunismus durchzustoßen zum aufgeklärten, vom dialektischen Sozialismus, dessen Entwicklung sich in wilden Pendelschlägen vollzieht, zum dialogischen, der sich in der freien Auseinandersetzung der Meinungen entfaltet.