Von Marietta niederer

Revolutionäre Experimente bringen die Herrenmode allmählich auf Touren. Schon seit einiger Zeit kündigt sich eine neue Ära an.

Brummel, Modediktator seiner Zeit, lancierte um 1830 den Dandy, den Supersnob; ihm folgte später mit unaufdringlicher Eleganz der Gentleman: Distinktion, erste Qualität der Stoffe, die Nuance, gezieltes Understatement waren von nun an Gebot. Strenge, auf mathematischer Konstruktion beruhende Schneiderarbeit gehörte unumstößlich dazu. Das Resultat war die klassische engl.sche Herrenmode, internationales Leitbild bis auf den heutigen Tag, mit geringen Abweichungen weit über ein Jahrhundert von Generation an Generation weitergegeben und ohne deutliches Murren getragen und ertragen. Für den Ausbruch geduldet waren nur etwas Freizeiterleichterung und eine funktionellem Sportmode.

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Wer rüttelt an dieser Tradition? Die Jugend, und nicht nur die englische. Da ist eine ungeheure Lust an Verkleidung, an Farbe, an Schmuck, an lockeren Phantasiegewändern, ein unbändiges Vergnügen am Western-Chic, an östlichen Uniformen, indischen Trachten oder sogenannten Astronauten-Anzügen; dazu die Profilierung des Kopfes mit üppigem Haarwuchs – alles erste, wirre Versuche, den Bürger zu schrecken und den Vätern mal zu zeigen, wer die Söhne sind.

Und überdies: eine verdächtige Anpassung der männlichen an die weibliche Mode. Bisexuelle Mode? Auf dem Laufsteg wird sie längst geschwisterlich Hand in Hand, Arm in Arm vorgeführt: beide in den gleichen Stoffen, beide in Hosen, mit den gleichen Hüten, beide im Kaftan aus veißer Rupfenseide, die Kanten reich bestickt mit Perlen und Steinen, strahlend schöne Halbgötter mit Luxusgespielinnen, im realen Leben Hippies, die schon auf Ablösung warten.

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