Kiel

Im Jahre 320 vor Christi war die Kunde, da oben an der Deutschen Bucht sollen Menschen leben, bis zur griechischen Kolonie in Massilia (Marseille) vorgedrungen. Man schickte Schiffe gen Norden. Pytheas sollte aus dem Land der ‚Hyperboraeer“ Bernstein holen. Er landete auf Helgoland, aber fand nichts davon.

Helgolands Bernstein von heute sind billige Zigaretten, Kaffee, Whisky und Parfüms. Sie ziehen die Fremden auf das grün-rot-weiße Eiland, denn auf Helgoland gilt seit alters her die Zollfreiheit. Einen Teil der Zollvergünstigung läßt man den Fremden zugute kommen. Allein im letzten Jahr übernachteten rund 398 000 Fremde in den 2777 Gästebetten zwischen Unterland und Oberland.

Der andere Teil fließt an das Gemeindesäckel auf dem Wege der Gemeindeeinfuhrsteuer. Von der kommunalen Inselbilanz in Höhe von 2,5 Millionen Mark im Jahre 1966 wurden so rund 1,4 Millionen Mark abgezapft.

Diesen paradiesischen Verhältnissen, billiger Schnaps und Fremdenbetten, die nicht kalt werden, will jetzt die EWG-Kommission in Brüssel den Garaus machen. Unter dem deutschen Abteilungskommissar von der Groeben arbeiten 14 EWG-Bürokraten an etwas, das sich 33 Zollrechtsharmonisierung“ nennt. Wenn die EWG-Zollgrenzen am 1. Juli fallen, soll es für Helgoland mit den goldenen Jahren vorbei sein.

Wenn es um die Existenz der Bürger geht, wird protestiert. Helgolands Protestant ist Schleswig-Holsteins Landesregierung. Zunächst wird allgemein die Historie ins Spiel gebracht. Bis 1807 war Helgoland dänisch. 1890 wurde es dem kaiserlichen Deutschland zugeschlagen. Die Briten, die in der Zwischenzeit Helgolands Herren waren, gaben das Eiland dem deutschen Kaiser zurück und erhielten dafür Sansibar vor Deutsch-Ostafrika. Selbst die ältesten Helgoländer können sich nicht daran erinnern, daß jemals in ihrer bunten Geschichte Zölle erhoben worden sind.

Für Zölle ist Franz Josef Strauß in Bonn zuständig. Er hat schon zugesichert, daß er um Helgolands weitere Zollfreiheit bemüht sein will. Aber wird er sich gegen den Artikel 100 des EWG-Vertrages durchsetzen können? Die Brüsseler Kommission soll danach „Richtlinien für die Angleichung derjenigen Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedsstaaten“ erlassen, die sich „unmittelbar auf die Errichtung oder das Funktionieren des Gemeinsamen Marktes auswirken“.