Mit dem Kunstführer unterwegs – Die schönste Dorfkirche der

Von Herbert Lazar

Beim Landesverkehrsverband Württemberg wird man nicht müde, immer neue Ferienstraßen zu erfinden: die Schwarzwald-Tälerstraße, die Schwäbische Albstraße, die Schwäbische Weinstraße, die Oberschwäbische Barockstraße und die Idyllische Straße. Da sich Südwestdeutschland vorzüglich zu Rundreisen eignet, sind solche Fremdenverkehrsrouten abseits der Hauptstraßen hier schon sinnvoll. Manche dieser Touristenstraßen kann man einfach so abfahren: Für die Schwarzwald-Hochstraße genügt ein Nachmittag; für die Idyllische Straße, eine Rundstrecke durch den Schwäbischen Wald, braucht man einen Tag. Für andere Straßen muß man Urlaub nehmen: für die Oberschwäbische Barockstraße zum Beispiel. Ich faßte den Entschluß, diese von Kunsthistorikern festgelegte Straße systematisch kennenzulernen. Aber mit Systematik ist hier gar nichts zu machen.

In Ulm beginnt und mündet die Oberschwäbische Barockstraße. Sie beginnt mit der Gotik, mit dem Münster. Wenn man das Münster sieht, ahnt man den Reichtum der ehemaligen Freien Reichsstadt, die keines Bischofs bedurfte, um sich ein solches Gotteshaus zu errichten. Vor dem Chorgestühl Jörg Syrlins d. Ä. beschlich mich ein unheiliger Gedanke: Eine dieser Büsten zu Hause im Wohnzimmer... Doch der Gedanke sublimierte sich sogleich: Im Angesicht eines dieser geschnitzten Köpfe zu leben, müßte bedeuten, ein ganzes Leben der Wahrheit zu dienen. Eine solche Büste duldet kein banales, kein aberwitziges Wort, keine Lächerlichkeit und keine glückliche Torheit. An einer gotischen Säule eine Luther-Statue zu finden, ist ein ungewohnter Anblick. Aber Kirchen sind, wie es auf jenen Schildern heißt, die zu Wohlverhalten ermahnen, ja eben keine Museen.

In Blaubeuren ist die Klosterkirche auf kuriose Art geteilt. Von der Vierung des Turmes geht es nach rechts zum Chor, wo der Altar steht, einer der eindrucksvollsten Holzschnitzaltäre der späten Gotik. Nach links, vom Turm aus, käme man in das Langhaus, findet jedoch nur das Balkenwerk einer Art Remise sowie Kleiderablagen vor. Das Langhaus ist nämlich durch eine Zwischendecke vertikal geteilt. Erst oben, wo jetzt der Gemeindesaal ist, ist man von gotischen Rudimenten umgeben. Der Chor – mit dem Altar – ist isoliert. Er ist Museum geworden.

In Blaubeuren schon, einer an die Albberge gelehnten Stadt, wird meine Reise zur Fiktion. Denn welcher Besucher kann sich losreißen, ohne die Farbe des Blautopfs, des Ursprungs der Blau, bestaunt, ohne einen Spaziergang hinauf auf die grüne Wand der Albhänge gemacht zu haben.

In Ehingen an der lehmbraunen Donau trägt die Oberschwäbische Barockstraße ihren Namen endlich zu Recht. Zwei ehemals gotische Kirchen sind barockisiert. Die dritte, die Konviktskirche, ist am interessantesten: eine Halle von annähernd quadratischer Form. Bei der Restaurierung hat man die Raumwirkung des frühen barocken Zentralbaus erhöht, indem man den Altar in die Mitte setzte. Die Üppigkeit der Formen, die man mit dem Barock gemeinhin verbindet, findet man jedoch erst in der Klosterkirche von Obermarchtal, dort verhalten und zuchtvoll. Und dann, überschwenglich und überquellend, im Münster von Zwiefalten.