Ein warnender Unterton war zu hören, als Hans-Günther Sohl, der Konzernchef der August Thyssen-Hütte die milde Frühlingsbrise im Stahlgeschäft kommentierte: „Wir müssen sehr wachsam bleiben und haben noch keinerlei Anlaß, übermütig zu werden.“ Tatsächlich aber „trägt“ man wieder Optimismus im Revier, wenn auch in manchen Hüttenwerkskontoren noch ein wenig verhalten. Aber es ist unverkennbar: Das große Aufatmen hat begonnen, die Stahlkonzerne verdienen wieder Geld.

Im vergangenen Jahr war kaum ein Unternehmer dieser Branche, die nun schon seit Jahren weiß, was schlechte Zeiten sind, an den roten Zahlen vorbeigekommen; das ist fast schon wieder Historie. Die Auftragsbücher der Werke füllen sich – endlich vor allem mit Lieferwünschen der Inlandskunden, die den Stahlerzeugern bessere Preise garantieren als die im harten internationalen Wettbewerb hereinzuholenden Exportaufträge.

Noch bis in die jüngste Zeit hinein haben alle Unternehmen der Branche ihre Wahlzstahlexporte mit erheblichen Preiszugeständnissen kräftig forciert. Mehr der Not gehorchend – denn Beschäftigungstherapie hieß die Parole. Und der Stahlexport – der üblicherweise ein Viertel der Gesamttonnage ausmacht – stieg im vorigen Jahr sprunghaft auf 35 Prozent der Versandmengen. Die niedrigen Preise wurden bewußt in Kauf genommen.

An den jetzt veröffentlichten Umsatzzahlen des Geschäftsjahres 1967, die durchweg trotz leicht gestiegener Produktion rückläufig sind, läßt sich diese Politik der Stahlkonzerne ablesen. Klöckner setzte fast 38 Prozent seines Umsatzes außerhalb der Landesgrenzen ab, und selbst die Thyssenhütte, die sich gern rühmt, keine schlechten Geschäfte zu machen, ist im vergangenen Geschäftsjahr mit einem um mehr als eine halbe Milliarde Mark gestiegenen Exportvolumen – das von 24 auf über 33 Prozent des Konzernumsatzes erweitert wurde – unversehens zu einem der größten, wenn auch nicht unbedingt glücklichsten, Exporteure der deutschen Industrie geworden.

Aber jetzt verspricht das Inlandgeschäft für die Hüttenwerke an Rhein und Ruhr wieder eine Karte zu werden, die sticht. Im Aufwind der allgemeinen Konjunkturbelebung glaubt man in den Vorstandsetagen der Stahlkonzerne zuverlässige Anhaltspunkte dafür zu haben, daß das wachsende Bestellvolumen der deutschen Stahlverbraucher nicht nur die eine Schwalbe ist, die noch keinen Sommer macht. Und jetzt sollen die vor Jahresfrist gegründeten Walzstahlkontore halten, was ihre Erfinder sich von ihnen versprachen.

Tatsächlich hat die Kontordisziplin mit dem wilden Dschungelkrieg der Stahlproduzenten untereinander bereits kräftig aufgeräumt. Zwar versteht man in den Ländern der Montanunion unter dem Stichwort Gemeinsamer Markt immernoch in erster Linie die Bundesrepublik – die Wahlzstahlimporte haben wieder zugenommen –, aber dennoch haben sich die im Markt erzielbaren Preise gebessert. „Es macht wieder Spaß, die Kapazitäten auszunutzen“, heißt es hoffnungsfroh im Management der großen Werke, deren Anlagen fast durchweg wieder gut beschäftigt sind.

Es gibt Stahl- und Walzwerke, die bereits auf vollen Touren laufen. Allen voran Europas größter Stahlkonzern. „Wir nutzen unsere Rohstahlkapazität jetzt mit nahezu 100 Prozent“, bekennt die neuen Produktionsrekorden zustrebende Thyssen-Verwaltung, die sogar schon Ausschau hält nach neu einzustellenden Stahlarbeitern, um den lang ersehnten warmen Regen auffangen zu können. Die noch vor einigen Wochen stark angezweifelte Prognose, daß die deutsche Stahlindustrie in diesem Jahre ihrem Traumziel von 40 Millionen Tonnen Rohstahl erheblich näher kommen wird, gewinnt heute im Revier immer mehr Anhänger.