Die Geschichte der deutsch-französischen Gipfeltreffen ist eine Geschichte der Mißverständnisse. Fast immer hatte der eine Partner den Verlauf der Gespräche hinterher anders in Erinnerung als der andere. Das war schon Adenauer nach Rambouillet passiert und ebenso seinem Nachfolger Erhard. Sind jetzt auch Kiesinger und sein Außenminister vom gleichen diplomatischen Geschick betroffen worden?

Aus Paris hatten sie im Februar die frohe Kunde mitgebracht, es sei ihnen gelungen, dem General einen bescheidenen Kompromiß in der Frage England und Europa abzuringen. Aber die Hoffnungen, die nach dem Besuch an der Seine keimten, sind durch Couve de Murvilles starre Haltung in Brüssel wieder zunichte geworden. Und dabei hatte Brandt den deutschen Plan für ein „Arrangement“ mit Großbritannien immerhin schon so weit verwässert, daß nur noch schierer Zweckoptimismus darin einen greifbaren Fortschritt zu erkennen vermochte. Der Gedanke an eine Freihandelszone wurde ersetzt durch den sehr viel vageren Begriff einer europäischen Präferenzzone. Jetzt sollen die ständigen Vertreter der Sechs in Brüssel herausfinden, was sich unter dieser Formel tatsächlich realisieren ließe. Am 5. April wollen dann die Außenminister wieder zusammentreten.

Der deutsche „Verhandlungserfolg“ von Paris schmilzt zusehends dahin. Der französische Erfolg dagegen zeichnet sich immer deutlicher ab. De Gaulle hat erstens die Oppositionsfront der Fünf gesprengt und damit Frankreich aus der Isolierung befreit, zweitens eine Krise in der EWG – und damit wirtschaftliche Nachteile von Frankreich – abgewendet, drittens dem deutschen Nachbarn die schwierige und undankbare Aufgabe des Vermittlers aufgebürdet, und viertens schließlich einen langwierigen Beratungsprozeß in Gang gesetzt, in dem er auf jeden Fall das gewinnen kann, woran ihm in der England-Frage am meisten liegt, nämlich Zeit.

Daß sich die britische Regierung gegenüber all der Pläneschmiederei zurückhält, darf man ihr wahrhaftig nicht als sprödes Zieren auslegen. London kann sich erst äußern, wenn ein – auch noch so dürftiges – Angebot auf dem Tisch liegt, bei dem auch Paris mit im Wort ist. Denn die Gefahr eines dritten Vetos – sie ist keiner britischen Regierung zuzumuten. H. G.