Traktate über das „Phänomen“, die „Esbezett“, hatten jahrelang Inflation: von den grellen Groschenheften des Kalten Krieges bis zu den grauen Broschüren der Ministerialbürokratie. Bestandsaufnahmen der Realität, der Deutschen Demokratischen Republik, sind leider noch immer an einer Hand zu zählen, einige wenige empirische Analysen: spezifisch, fundiert, nüchtern – zu nüchtern, um einen größeren Leserkreis zu erreichen. In diese Lücke stößt ein Büchlein vor, das mit leichter Feder und auf engstem Raum durch eine Fülle von Informationen, Einsichten und Ausblicken die Restbestände offizieller Ausflüchte abträgt:

Ernst Richert: „Die DDR-Elite oder Unsere Partner von morgen?“; Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek; 121 Seiten, 2,20 DM.

Richert, ein vielseitiger Experte in Sachen des anderen Deutschland, erfrischend frei von verabsolutierenden Maßstäben unserer Gesellschaftsordnung, behauptet zweierlei:

Erstens: Der funktions- und generationsbedingte Abgang der altkommunistischen Elite in die „vaterländischen Ehrenvitrinen“ bedeutet auch, ja gerade für die Führungsgruppen und die Gesellschaft in der Deutschen Demokratischen Republik einen fundamentalen Wandel.

Zweitens: Die Politik in den östlichen Ländern ist versachlicher als bei uns.

Die neue Sachlichkeit und Unbefangenheit sieht er freilich noch nicht bei der unmittelbar auf Ulbricht folgenden Generation. Die fast schon sprichwörtliche Wandlung Ulbrichts beschreibt Richert noch pointierter als verschiedene Publizisten vor ihm. Die Stoph, Honecker, Hager hält Richert für verquält, vorsichtig, tastend; mit hölzerner Steife tragen sie daran, daß sie jahrelang zwischen allen Stühlen manövrieren mußten. Aber gerade das Image des unter seiner Bürde Leidenden kommt Ministerpräsident Stoph, wie Richert in einem trefflichen Kurzporträt entwickelt, vorteilhaft zustatten. Stoph ist derjenige, den die Mehrheit der Bürger als Nachfolger Ulbrichts sehen möchte, weil sie sich mit ihm identifizieren kann, einer der ihren auf der Sonnenseite, ein bescheiden-stiller Manager, der einen pathosfernen Alltag zu garantieren scheint.