Von Gerd Bucerius

Berlin, im März

Der Besucher kam in Tempelhof an und fragte den Taxichauffeur, was denn in Berlin los sei. Der sagte behaglich: „Den Langhaus haben wir ja wohl zusammengeschlagen.“ Er fand es ganz in Ordnung, daß der Kommunarde Langhans (der zusammen mit Teufel gerade ein tolpatschiges Gericht zum Zirkus macht) Prügel bekommen hatte. Warum? „Die holen uns doch nur den Osten auf den Hals. Wir können uns in Berlin keinen Krach leisten.“ – Ruhe ist die erste Bürgerpflicht.

Und dann bekam der Besucher eine druckfrische Ausgabe des „Extradienst“. Das ist das Mitteilungsblatt der Berliner „außerparlamentarischen Opposition“, erscheint zweimal die Woche mit 2500 Auflage, aber jeden Monat sind es ein paar hundert Exemplare mehr. Da stand als erste Nachricht: Vor dem Verbot von Dutschkes Vietnam-Demonstration (Sonntag, 18. Februar) habe der Berliner Polizeipräsident Mach den Innensenator Neubauer (SPD) gewarnt: die Dutschke-Leute würden trotz des Verbotes demonstrieren; dann müsse die Polizei aufmarschieren, und es werde Tote geben.

Der Besucher war fast ein Jahr nicht in Berlin gewesen; nun wußte er: Hier war etwas los. Wenn sich die einen über Prügel freuen und die anderen mit Toten rechnen ... Wie gut also, daß Günter Grass zu der Kundgebung „Appell an die Vernunft“ aufgerufen hatte. Am vorigen Mittwoch wollten er und mehrere Gleichgesinnte (darunter der Besucher als einziger aus dem Westen) die Extreme zu versöhnen suchen.

Die Extreme sind: Senat, alle politischen Funktionäre, die meisten Arbeiter und Bürger auf der einen, der Sozialistische Deutsche Stüdentenbund mit Dutschke, Lefèvre und fast alle Studenten auf der anderen Seite. Im Audimax der Technischen Universität preßten sich zweitausend Leute und tausend in einem weiteren Saal, der Lautsprecherübertragung hatte. Das Durchschnittsalter war zwanzig Jahre, viele jünger, ganz wenige älter. Die „Bürger“ fehlten.

Als der Versammlungsleiter die fünf Redner aufrief, bekamen alle freundlichen Beifall. Alle, bis auf Günter Grass. Als der Schnauzbart sich vor dem Publikum erhob, gab es minutenlang Buh- und Ho-Tschi-Minh-Klatschen. Sein Gesicht wurde eine Nuance grauer und härter.