FÜR Spione und Rußlandfans:

„66 russische Essays“ – Von Puschkin bis Pasternak, herausgegeben und aus dem Russischen von Erich Müller-Kamp; Kleine russische Bibliothek, Ellermann Verlag, München; 680 S. 29,80 DM.

ES ENTHÄLT Sechsundsechzig hochinteressante Essays zur Dichtung, zum Schreiben, zu den Zeitgenossen (ihren Meinungen und Positionen), den Zu- und Mißständen in Gesellschaft und Kultur. Ausführliche Anmerkungen (26 kleingedruckte Seiten) zu den Autoren vervollständigen das Buch. Die sorgsam gewählten Texte, zeitlich geordnet, vermitteln eine lebendige Vorstellung von Zeit und Epoche, die eine Weltrevolution mit vorbereitete (und vorbereitet) und vor allem auch von den Dichtern selbst. Dabei haben wir es keineswegs mit einem Magazin musischer Denkungsart zu tun, sondern mit äußerst lebensnahen Betrachtungen russischen Denkens und russischer Wirklichkeit. Der Zeitbezug einiger Botschaften und Ausblicke ist unverkennbar – etwa, wenn der neunundzwanzigjährige Nekrassow (1850) feststellt, das es keine Verse gibt, oder wenn der jüngste Autor, Wosnessenskij (geboren 1933), seinen Lorca-Essay mit folgenden Worten schließt: „Lorcas Lehren sind nicht nur in Liedern, in seinem Leben enthalten. Auch sein Untergang ist eine Lehre. Der Mord der Kunst dauert an. Nur in Spanien?“

ES GEFÄLLT, weil es eine der wenigen Anthologien ist, die man nicht weglegen muß. Obgleich die differenzierte Auswahl der Texte nicht dazu angetan ist, das Buch jedem auf den Nachttisch zu legen (obwohl es von Nutzen wäre!), fehlt es ihm nicht an Spannung – weil eine Menge Neuigkeiten daraus zu erfahren sind, die unser Rußlandbild vor jeder Einseitigkeit bewahren. Elisa Schwennicke