Düsseldorf

Düsseldorf hat ihn wieder: Friedrich Wilhelm Ermisch, den Mann, der das Finanzamt Nord in der nordrhein-westfälischen Landeshauptstadt um mehr als elf Millionen Mark prellte. (Siehe ZEIT Nr. 5, „Mit sechs leeren Ordnern.“) Die Bräune, die sich Ermisch bei seinem zweimonatigen Ausflug nach Mexiko zulegte, wird ebenso rasch aus seinem Gesicht verschwinden wie das Siegerlächeln, mit dem er in der vergangenen Woche auf dem Flughafen Köln-Wahn die Gangway der Boeing 707 „Essen“ herunterstieg. Der trickreiche Ermisch war Hauptkommissar Hans Fabelje, der die Ermisch-Sonderkommission der Kriminalpolizei leitet und dem Staatsanwalt Georg Pieh ins Netz gegangen.

Ende Februar hatte die Kriminalpolizei bereits Hinweise bekommen, daß sich Ermisch zusammen mit seiner Komplicin in Mexiko-City aufhalte. Die eine Spur führte über Freiburg, wo Ermisch Grundstücke und Häuser verkauft hatte, zu einem Genfer Bankinstitut. Hier traf eine Order von Ermisch ein, Geld nach Mexiko-City zu überweisen. Die zweite Spur fand sich in der Essener Wohnung von Brigitte Glingas Bruder. Bei einer Haussuchung fanden Kriminalbeamte zwei Briefe, die mit Friedrich und Brigitte unterzeichnet waren und in denen die Adresse Sokrates 390, Mexiko-City vorkam. Den entscheidenden Hinweis bekamen die Düsseldorfer Kripoleute schließlich über Interpol und die holländische Kriminalpolizei. Die Eltern von Brigitte Glinga, Werner und Alwine Szypa, waren am 15. Februar von Amsterdam nach Mexiko geflogen. Der Vater kehrte am 21. Februar allein zurück und schickte noch zwei Koffer an die inzwischen amtsbekannte Adresse: Sokrates 390, Mexiko-City.

Daraufhin starteten Staatsanwalt Pieh und Hauptkommissar Fabelje am Samstag, dem 2. März nach Mexiko-City. Am Sonntagabend schon fuhren sie an Ermischs Wohnung vorbei und sahen den Gesuchten am erleuchteten Fenster stehen. Es wurde Montag mittag, bis die mexikanischen Behörden einen Beamten der Einwanderungsbehörde und Polizisten abgestellt hatten, damit in Ermischs Wohnung eine Überprüfung der Personalien stattfinden konnte. Mit drei Autos setzte sich der Spürtrupp in Bewegung. 150 Meter von Ermischs Haus entfernt hielt die Kolonne. Zwei Mexikaner gingen hinauf. Staatsanwalt Pieh und Hauptkommissar Fabelje blieben im Auto. „Auf einmal saßen Ermisch, die Glinga und ihre Mutter schon im Auto“, berichtete Fabelje.

Auf der Staatsanwaltschaft in Mexiko-City blickten sich Jäger und Gejagter zum ersten Mal ins Auge. Ein Rechtshilfeersuchen – das merkten die beiden deutschen Beamten schnell – hatte offensichtlich nicht viel Chancen. Aber an Ermischs Paß – so ließ sich Kommissar Fabelje vernehmen – sei etwas nicht in Ordnung. Die Mexikaner gaben den beiden Deutschen Zeit bis zum nächsten Morgen 10 Uhr, diesen Verdacht zu beweisen. Ermisch blieb über Nacht in Gewahrsam, Brigitte Glinga und ihre Mutter durften wieder nach Hause, freilich ohne Pässe. In der Nacht vom Montag zum Dienstag spielten die Drähte zwischen der deutschen Botschaft in Mexiko-City und dem Generalkonsulat in Barcelona, das den beanstandeten Paß ausgestellt hatte. Am Dienstag morgen zehn Uhr lag das Fernschreiben aus Barcelona vor, mit Ermischs Paß stimme etwas nicht. Fünfzig Minuten später wurden Pieh und Fabelje in der Deutschen Botschaft von dem Anruf überrascht, Ermisch werde bereits um 11.30 Uhr mit der nächsten Lufthansa-Maschine nach Deutschland abgeschoben. Der Düsseldorfer Staatsanwalt raste zum Flugplatz, bekam noch einen Platz und konnte Ermisch begleiten. Der hochschwangeren Brigitte Glinga verweigerte der Flugkapitän den Mitflug, da kein Arzt an Bord der Maschine war.

Kommissar Fabelje war inzwischen dienstlich wie privat aktiv. Er besorgte einen Arzt, Flugbillets für diesen, für sich, die Glinga und ihre Mutter. Einen Tag später als Ermisch bestieg die Nachhut ebenfalls ein Flugzeug. Ermisch gestand auf dem Flug nach Deutschland, daß er. noch über sechs Millionen Mark verfüge. Offensichtlich glaubt er mit diesem Geld einen Kuhhandel mit den Behörden arrangieren zu können: Sechs Millionen gegen eine minimale Strafe. Ein bis zwei Jahre Gefängnis, so meinte Ermisch, mehr sei für ihn dann nicht drin. Nachdem er freilich mit seinem Anwalt gesprochen hatte, dämmerte es ihm. Wegen einschlägiger Vorstrafen muß er mit einer längeren Zuchthausstrafe rechnen.

Für die fünfzehnköpfige Ermisch-Sonderkommission geht die Arbeit inzwischen mit Hochtouren weiter. „Im Finanzamt Düsseldorf-Nord werden jetzt einige Leute kalte Füße bekommen“, stellte Kommissar Fabelje fest. „Ermisch ist von dort gewarnt worden, ehe der Haftbefehl erlassen wurde, das wissen wir.“ Ferdinand Ranft