In Mai will sich das wiederbelebte "Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold" (mit dem neuen Untertitel "Bund aktiver Demokraten") auf der ersten Bundeskonferenz seit 1933 eine zeitgemäße Satzung geben (s. auch S. 13). Jüngeren Lesern wird der Name kaum noch etwas sagen. Gegründet wurde das "Reichsbanner" im Februar 1924 als Kampfverband der republikanischen Linken. Knappe zehn Jahre lang hat es die Weimarer Republik im Kampf gegen die organisierte Rechte, gegen Faschisten und andere Feinde der Demokratie unterstützt. Seit einiger Zeit gibt es die erste und wohl auch abschließende wissenschaftlich-kritische Geschichte dieser Republikschützen

Karl Rohe: "Das Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold. Ein Beitrag zur Geschichte und Struktur der politischen Kampfverbände zur Zeit der Weimarer Republik"; hrsg. von der Kommission für Geschichte des Parlamentarismus und der politischen Parteien, Beiträge Bd. 34; Droste Verlag, Düsseldorf; 494 S., 48,– DM.

Diese hervorragende, auf breites Archivmaterial, auf Publizistik und Fachliteratur gestützte Untersuchung eines Münsteraner Historikers, der weiten Blick mit Akribie im Detail verbindet, verdeutlicht, wie sehr auch das "Reichsbanner" den Paradoxien der Weimarer Republik Unterworfen war. Es entstand auf das Drängen Magdeburger Sozialdemokraten, als Frucht der bitteren Erfahrungen im putschreichen Jahr 1923, und war sowohl als schwarzrotgoldene Aktion wie als paramilitärischer Verband gedacht. Der Verband versuchte gleichsam, verspätet den "Geburtsmakel‘ der "Republik ohne Republikaner" zu löschen. Aber dabei mußte das "Reichsbanner" die Staatsordnung gegen jene Verbände verteidigen, deren kämpferischer Einsatz die Geburt eben dieses Staates ermöglicht hatte, nämlich die Kampfbünde der Rechten, ja, – auch deren Methoden und Organisationsformen übernehmen.

Nicht der sozialdemokratische Parteiapparat förderte die Entstehung, sondern der Selbstschutzgedanke wurde eher gegen Widerstände ziemlich spontan von unten her verwirklicht. Die eigentlichen Gründer entstammten durchweg der Frontgeneration; sie waren überwiegend erst nach 1918 in der Arbeiterbewegung aktiv geworden und versuchten, mit dem "Reichsbanner" einen "überparteilich" organisierten "Bund republikanischer Kriegsteilnehmer" zu schaffen. Den "überparteilichen" Intentionen blieben deutliche Grenzen gesetzt, im Grunde bildete stets die Sozialdemokrat das Reservoir des "Reichsbanners". Immerhin: in den Führungsgremien saßen zeitweilig außer prominenten Sozialdemokraten so unterschiedliche Persönlichkeiten aus der Deutschen Demokratischen Partei und dem Zentrum wie Erich Koch-Weser, Ludwig Haas, Anton Erkelenz, Theodor Wolff, Otto Nuschke, Carl Spiecker. Heinrich Krone und Constantin Fehrenbach, deren Mitarbeit kleinere Gruppen aus diesen beiden Parteien dem "Reichsbanner" zuführte. Aber einigendes Element blieb bis zuletzt das Fronterlebnis.

Diese republikanische "Miliz" entrichtete starken Zeitströmungen ihren Tribut: der Einfluß der Frontsoldaten- und Führerideologien, die im "antidemokratischen Denken" der Weimarer Republik eine so unübersehbare Rolle spielten, wirkte sich auch auf die demokratische Linke aus. Ihr Wehrverband vereinigte rechte und linke Elemente, er war "bündisch", "frontsoldatisch", auch "irrational" – "aber immer nur bis zu einer gewissen Grenze", dank der unbezweifelbar sozialdemokratischen Gesinnung. Aber nie galt das "Reichsbanner" als vollwertiges Glied der Arbeiterbewegung, vielmehr als ein Fremdkörper, als zeitweilig unvermeidbare Hilfsorganisation, deren Existenz nur durch die Notlage der Republik gerechtfertig werden konnte.

In den letzten Jahren vor 1933, in den blutigen Saal- und Straßenschlachten mit den Nazis, wurde das "Reichsbanner" zur Massenorganisation der "Eisernen Front", die sich zu spät und vergeblich dem Nationalsozialismus entgegenzustemmen versuchte. Dem Zugriff der Gestapo erlag auch das "Reichsbanner" innerhalb weniger Monate; aus der Emigration mußten die Führer, denen die Flucht noch geglückt war, ohnmächtig der Zerschlagung zusehen.

Fraglos hat das "Reichsbanner" einige Jahre der Weimarer Republik eine bitter notwendige, vor allem psychologisch wertvolle Unterstüzung geliehen, aber in der Bewährungsprobe dieses so ungemein vorbelasteten Staatswesens ist es wie die Republik selber stärkeren unheilvollen Kräften der deutschen Politik und Gesellschaft unterlegen. Darum scheint eine überscharfe Kritik an den Versäumnissen des "Reichsbanners" kaum angebracht.

Heute vermag man nicht ohne Bewunderung auf eine Organisation zurückzublicken, die Millionen Mitglieder zur militanten Verteidigung der Republik zu vereinigen vermochte. Wo fände sich – da schon der Gedanke an den politischen Generalstreik Anathema ist – ein vergleichbarer Widerstand, wenn unter veränderten Bedingungen die Demokratie gegen die Aushöhlung durch Notstandsgesetze verteidigt werden müßte?