Von Arthur Koestler

Es gibt einhundertdreiundneunzig Arten heute lebender Affen, Tieraffen und Menschenaffen. Bei einhundertzweiundneunzig ist der Körper mit Haar bedeckt; die einzige Ausnahme bildet ein nackter Affe, der sich selbst den Namen Homo sapiens gegeben hat. Ich bin Zoologe, Tierforscher, und der nackte Affe ist ein Tier. Deshalb ist es durchaus berechtigt, wenn ich in ihm ein Wild für meine Feder sehe.“

Diese provozierenden Sätze stammen aus der Einleitung eines zoologischen Porträts des Menschen –

Desmond Morris: „Der nackte Affe“, aus dem Englischen von Fritz Bolle; Verlag Droemer Knaur, München; 390 S., 20,– DM.

Es basiert auf der Kenntnis dreier Quellen: der Ausgrabungsfunde über unsere Vorfahren; der ethnologischen Studien über das Verhalten der Primaten; und der soziologischen Beobachtungen der „großen zeitgenössischen Kulturen des Nacktaffen“.

Nun ist der vorliegende Versuch, aus dem Verhalten von Tieren Rückschlüsse auf die menschliche Lebenswelt zu ziehen, anspruchsvoller als einige frühere Versuche – die Pawlowschen Hunde, die Ratten der Behaviouristen oder Lorenz’ Graugänse. Die Analogien, die sich bei ihnen ergeben hatten, waren bestenfalls von begrenztem Wert, oft aber irreführend und mit verheerenden philosophischen Folgerungen betrachtet. In jüngster Zeit hat es eine Flut von äußerst wertvollen Feldforschungen über das Verhalten von Primaten-Gesellschaften gegeben, die offensichtlich mehr Relevanz für uns haben als Ratten oder Gänse. Morris verwertet diese Fülle neuer Informationen mit großer Genialität und wirft so neues Licht auf unsere eigenen merkwürdigen Formen der „Nahrungsaufnahme, des Schlafes, des Kampfes, der Gattenwahl und der Sorge für die Nachkommenschaft“.

Für die entscheidende Episode in der Entwicklung des Menschen hält er den Übergang von einem baumbewohnenden, pflanzenfressenden, lustlosen Tier zu einem fleischfressenden Räuber der offenen Steppe, der in Rudeln jagt. Die dualistische Persönlichkeit des Menschen und alle typisch menschlichen Eigenarten sollen ihren Ursprung in diesem Schritt haben: der aufrechte Gang, die Vergrößerung des Gehirns, Waffen, Werkzeuge, Familienbindungen, Stammeszusammenhalt und die Entwicklung der Sprache. Dieses Kapitel über die „Herkunft“ ist vielleicht das anregendste des ganzen Buches.