Kiel

So mancher Abgeordnete hat in der schleswigholsteinischen Nachkriegsgeschichte schon auf einem der weinroten Sessel im Plenarsaal des Landtags an der Kieler Förde in der einstmals Kaiserlichen Kadettenakademie Platz genommen. Der freundlich verkniffene Parlamentarier Otto Flöl, der von der Deutschen Partei zu den Christdemokraten ging, gehörte in der Zeit vom 7. August 1950 bis 6. August 1954 dazu. Das Goldene Parteiabzeichen freilich trug er in dem Hohen Hause nicht mehr.

Der frühere SS-Gruppenführer und Generalleutnant der Polizei, der BHE-Volksvertreter Heinz Reinefarth, für die Niederschlagung des nationalpolnischen Aufstandes in Warschau im August 1944 vom Führer mit dem Eichenlaub zum Ritterkreuz ausgezeichnet, war von 1958 bis 1962 Mitglied des Landtages. Und gar Sozialminister Hans-Adolf Asbach, Abgeordneter der Vertriebenen-Partei, gehörte von 1950 bis 1957 den Kabinetten an, die letzten drei Jahre als Stellvertreter des Ministerpräsidenten Kai-Uwe von Hassel. Die Staatsanwälte in Kiel sind dabei, sich schlüssig zu werden, ob und in welchem Umfang er als Kreishauptmann im Osten für Judenvernichtungen verantwortlich gemacht werden kann.

So war man denn im Norden zwischen den Meeren nicht weiter verwundert, als am 23. April letzten Jahres vier Abgeordnete der Nationaldemokratischen Partei nun auch in den mäßig erleuchteten Sitzungssaal einzogen. Vor allem, diese vier Leute hatten keine große Vergangenheit. Der Bauer Wolfgang Ehlers, damals auf der Kriegsschule in Potsdam, fungiert heute in den Vorständen von Landesjagdverband, Reitergilde und Kyffhäuserbund.

Karl-Ernst Lober, der NPD-Landesvorsitzende, kam erst 1927 zur Welt und agiert in Jugendorganisationen, der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft und als Kreisjugendpfleger in Schleswig. Peter Petersen, der Bauer des Jahrgangs 1904, diente dem Reichsnährstand in Goslar und Berlin und bekennt: „1951 Wiedereinberufung in den Schuldienst.“ Er schärfte seinen unzufriedenen Berufskollegen von der „Notgemeinschaft Deutscher Bauern“ unter den schwarzen Fahnen erst kürzlich ein, nach den Demonstrationen jetzt zu Schwerpunkt-Aktionen und Einzelkampfmaßnahmen zu greifen. Aber so ein rechter NPD-Ideologe, das ist er denn auch nicht.

Uwe Rheingans aber heißt der Mann, der im Landtag die Themen anschneidet, die man seit Kriegsschluß von der Parlamentstribüne nicht mehr hörte. Dabei ist Rheingans, promovierter Studienrat aus Neustadt an der Ostsee, erst 1929 geboren, war also, als Hitler fünf Minuten vor zwölf von der Bühne des „Tausendjährigen Reiches“ mit einem Selbstmord abtrat, erst 16 Jahre alt. Aber dieser Gymnasiallehrer für Biologie, Chemie und Erdkunde, der 1966 von allen Parteien zum stellvertretenden Bürgervorsteher des Ostseebades gewählt wurde, hat offenbar die falschen Geschichtsbücher studiert.

Die Prozesse, die nun auch in Schleswig-Holstein gegen ehemalige SS-Leute wegen der Massenvernichtungen von Juden im Osten stattfinden, sind diesem Manne, der sich nationalkonservativ nennt, ein Dorn im Auge. So wollte er denn in einer Anfrage im Landtag von Justisminister Gerhard Gaul wissen, was diese Gerichtsverfahren gekostet haben, „die im Sprachgebrauch als Kriegsverbrecherprozesse bezeichnet werden“.