Ein Hausaltar für die Sünde

Von Gottfried Sello

Sie ist in alter Pracht und Pseudoherrlichkeit wiedererstanden, die Stuck-Villa, Tuskulum des letzten deutschen Malerfürsten römischer Nation, mit dem er seinen ausschweifenden Kunst- und Lebenstraum Architektur werden ließ, einen Traum, den nicht er selber, sondern ein anderer, ein besserer Träumer und besserer Künstler, Arnold Böcklin nämlich, geträumt hatte. Der Ritter Franz von Stuck, der damals noch kein Ritter, sondern ein schlicht bürgerlicher Stuck war, der seine Karriere eben erst begonnen hatte, hatte diesen Traum ausgeliehen und usurpiert, hatte den fragwürdigen Mut aufgebracht, das Haus, die Villa, die Böcklin nur in seiner Malerei realisiert hatte, in München rechts der Isar, an der äußeren Prinzregentenstraße zu errichten.

Das geschah im Jahr 1898. Stuck hatte die ersten Etappen erfolgreich zurückgelegt. Im Katalog zur Eröffnung des Museums Stuck-Villa hat der Stuck-Jugendstil-Verein den Weg des Malers in allen Phasen dokumentiert, von der Wiege bis zur Bahre, Stoff einer glänzenden Filmstory (zumindest für Opas Kino).

Stuck wurde 1863 in Niederbayern geboren, Sohn eines Müllers – die Mühle als Zubringer malerischer Talente, von Rembrandt bis Schmidt-Rottluff. Er sollte die Mühle übernehmen, ging nach München auf die Kunstgewerbeschule, zeichnete für die "Fliegenden Blätter" und landete mit 26 Jahren seinen ersten Coup. Für sein Gemälde "Der Wächter im Paradies", ausgestellt im Glaspalast 1889, erhielt er eine Goldmedaille und 60 000 Goldmark. Er wurde 1895 Professor an der Münchner Kunstakademie und belieferte die Zaren von Bulgarien und Rußland, den Prinzregenten von Bayern und zahllose mindere Fürstlichkeiten.

Sein Erfolg war indessen keineswegs auf die höchsten Kreise beschränkt. Er wurde Ehrenmitglied der meisten bedeutenden europäischen Akademien und Künstlervereinigungen. Er war der gefeierte Meister auf dem internationalen Kunstforum. Hans Purrmann, einer der vielen namhaften Stuck-Schüler, schreibt in seinen Erinnerungen: "Anläßlich einer Biennale in Venedig brachte ihm eine heißblütige Jugend malender und schreibender Avantgardisten auf dem Markusplatz eine spontane Ovation dar."

Der Ritter von Stuck starb 1928, er wurde in antiker Gewandung aufgebahrt, von vier Pylonen flankiert, man spielte den Trauermarsch aus der Götterdämmerung. "Ein Fürst im Reiche der Kunst, der letzte Künstlerfürst aus Münchens großen Tagen, ist dahingegangen." Die feierlichen Reden und Gebräuche konnten allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, daß er 1928 längst tot und begraben war. Das Urteil über ihn war gesprochen, "Stuck ist die größte Leistung Münchner Faschingsrenaissance", resümierte Julius Meier-Graefe bereits 1904. Seine "Sünde", seine neckischen Nixen und Satyrn, die schwüle Sinnlichkeit, schwülstige Erotik und Talmidämonie waren längst dem allgemeinen Gelächter anheimgegeben. Urteile sind provisorisch, Tote kehren zurück aus dem kunsthistorischen Orkus. Meier-Graefe hat sich im "Fall Böcklin" geirrt, sein Verdammungsurteil ist revidiert worden. Nun steht Franz Stuck zur Verhandlung.

Vielmehr: München und der Stuck-Jugendstil-Verein haben das Ergebnis der Revisionsverhandlung präjudiziert. Sie haben die Villa Stuck mit aller denkmalpflegerischen Sorgfalt restauriert und die Frage, ob wir ein Stuck-Museum brauchen, geschickt ausgeklammert und das Haus als Jugendstil-Museum deklariert, indem sie unterstellen, daß Stuck und Jugendstil identisch oder wenigstens verwandt seien, vertauschbare Chiffren für das umfassende Phänomen "fin de siècle".

Ein Hausaltar für die Sünde

Mit seinem Traumhaus hat Franz Stuck, Bauherr, Architekt, Innendekorateur und Stukkateur in einer Person, die neuen Tendenzen des Jugendstils total negiert. Ein großes Beispiel für Jugendstilarchitektur hatte August Endell 1898 (im gleichen Jahr wurde die Villa Stuck errichtet) mit dem "Photo-Atelier Elvira" geschaffen, das Haus mit der Kurvenfassade hätte die denkmalpflegerische Bemühung gelohnt, aber es ist im Dritten Reich abgerissen worden (man müßte die Gründe untersuchen, warum Hitler das Jugendstiljuwel als einen Schandfleck in seiner Stadt betrachtete).

Der Jugendstil programmierte das Ende eines eklektizistischen Bauens, des beliebigen Manipulierens mit historischen Stilen, während Stuck genau nach dieser Methode verfuhr und Antike wie Renaissance, byzantinische und orientalische Elemente kombinierte und auch Reminiszenzen an Schinkel, an den Berliner und den Münchner Klassizismus architektonisch einarbeitete.

Im Innern des Hauses herrscht düstere Pracht. Sich mit diesem zeremoniellen Pomp zu umgeben, sich darin wohl zu fühlen, ihn zu genießen, kann man als Hinweis auf die Herkunft aus der Mühle verstehen, es ist psychologisch ebenso einleuchtend wie die Gewohnheit des Hausherrn, nicht im Arbeitskittel, sondern im Frack zu malen. Der plastische Schmuck der Villa besteht zum größeren Teil aus Kopien antiker Statuen. In den pilastergerahmten Nischen des Vestibüls stehen rechts die Mediceische Venus, links der Idolino. Mosaikfußböden, kostbare Teppiche, herrliche Gobelins, reiche Kassettendecken, antiker Götterhimmel, und als Herzstück des Hauses das Prunkatelier mit dem Allerheiligsten, dem säkularisierten Hausaltar, der in Marmor gerahmt und von den Stuckstatuetten "Tänzerin" und "Athlet" bewacht, das Bild der "Sünde" darbietet.

Stucks "Sünde", mindestens in fünf Fassungen wiederholt, war schon zur Zeit ihrer Entstehung ein Anachronismus. Seine Malerei war ein Protest gegen das Neue, das sich nicht nur in Paris, das sich auch in München zu Wort meldete, Protest gegen den Impressionismus, gegen den Realismus Leibischer Art. Als Verächter der bürgerlichen Moral, als Erneuerer antiken Lebensgefühls, heidnischer Sinnenfreude betritt er die Bühne, um noch einmal das große Thema, den Symbolgehalt, die Mythologie zu etablieren.

Aber was er zustande bringt, ist Mythologie aus und dritter Hand, von Böcklin unmit oder auf dem Umweg über Klinger entlehnt und glatt, gefällig nachformuliert. Das reale Objekt soll mythisiert werden. Es ist bekannt, daß seine durchaus mit mythologischen Körperteilen bedachten Nixen nach Aktzeichnungen entstanden sind. Aber bei dieser Prozedur verlieren die Münchner Madin und die Malerei zugleich ihre Frische. Die "Sünde" ist nicht Fleisch und nicht Fisch, kein Straßenmädchen (von Toulouse-Lautrec) und keine Madonna (von Edvard Munch), das Mädchen, "das Weib" mit der Schlange ist eine kokett stilisierte Zirkusnummer.

Es gibt unter den mehr als hundert Werken, die zur Eröffnung der Villa Stuck gezeigt werden, Besseres und Schlechteres als die "Sünde". Zu dem noch Schlechteren gehört die "Salome", zu dem Besseren gehören einige Landschaften, eine "Straußenjagd", viele Zeichnungen.

Sein Werk ist soziologisch relevant, es demonstriert bestimmte Bewußtseinsschichten des fin de siècle, Sehnsüchte, Wünsche einer Gesellschaft, in der Franz Stuck zum erfolgreichsten Maler avancierte. Aber muß man ihm deshalb ein Museum widmen, muß man die im Krieg nur halb zerstörte monströse Villa Stuck wiederherstellen, nur weil sich ein privater Mäzen bereit findet, die Restaurierungskosten zu übernehmen?

Ein Hausaltar für die Sünde

Mit dem Stuck-Jugendstil-Museum wird die Idee des Museums travestiert.

Museen haben nicht die Aufgabe, das Tote zu mumifizieren, sie präsentieren Werke der Vergangenheit als virtuelle Gegenwart. Aber Stuck ist trotz aller Bemühungen seiner Apologeten nicht wiederzubeleben.

Wenn sie ihn trotzdem zum "Wegbereiter der Moderne" proklamieren, dann scheint mir das nur in einem negativen Sinne zutreffend, in dem Einfluß auf einige seiner besten Schüler, auf Kandinsky, Klee, Albers, die er dazu gebracht hat, sich radikal gegen ihn zu wenden.

Vielleicht bedeutet das Alberssdie Quadrat eine späte Reaktion auf die "Sünde" seines Meisters.