Mit seinem Traumhaus hat Franz Stuck, Bauherr, Architekt, Innendekorateur und Stukkateur in einer Person, die neuen Tendenzen des Jugendstils total negiert. Ein großes Beispiel für Jugendstilarchitektur hatte August Endell 1898 (im gleichen Jahr wurde die Villa Stuck errichtet) mit dem "Photo-Atelier Elvira" geschaffen, das Haus mit der Kurvenfassade hätte die denkmalpflegerische Bemühung gelohnt, aber es ist im Dritten Reich abgerissen worden (man müßte die Gründe untersuchen, warum Hitler das Jugendstiljuwel als einen Schandfleck in seiner Stadt betrachtete).

Der Jugendstil programmierte das Ende eines eklektizistischen Bauens, des beliebigen Manipulierens mit historischen Stilen, während Stuck genau nach dieser Methode verfuhr und Antike wie Renaissance, byzantinische und orientalische Elemente kombinierte und auch Reminiszenzen an Schinkel, an den Berliner und den Münchner Klassizismus architektonisch einarbeitete.

Im Innern des Hauses herrscht düstere Pracht. Sich mit diesem zeremoniellen Pomp zu umgeben, sich darin wohl zu fühlen, ihn zu genießen, kann man als Hinweis auf die Herkunft aus der Mühle verstehen, es ist psychologisch ebenso einleuchtend wie die Gewohnheit des Hausherrn, nicht im Arbeitskittel, sondern im Frack zu malen. Der plastische Schmuck der Villa besteht zum größeren Teil aus Kopien antiker Statuen. In den pilastergerahmten Nischen des Vestibüls stehen rechts die Mediceische Venus, links der Idolino. Mosaikfußböden, kostbare Teppiche, herrliche Gobelins, reiche Kassettendecken, antiker Götterhimmel, und als Herzstück des Hauses das Prunkatelier mit dem Allerheiligsten, dem säkularisierten Hausaltar, der in Marmor gerahmt und von den Stuckstatuetten "Tänzerin" und "Athlet" bewacht, das Bild der "Sünde" darbietet.

Stucks "Sünde", mindestens in fünf Fassungen wiederholt, war schon zur Zeit ihrer Entstehung ein Anachronismus. Seine Malerei war ein Protest gegen das Neue, das sich nicht nur in Paris, das sich auch in München zu Wort meldete, Protest gegen den Impressionismus, gegen den Realismus Leibischer Art. Als Verächter der bürgerlichen Moral, als Erneuerer antiken Lebensgefühls, heidnischer Sinnenfreude betritt er die Bühne, um noch einmal das große Thema, den Symbolgehalt, die Mythologie zu etablieren.

Aber was er zustande bringt, ist Mythologie aus und dritter Hand, von Böcklin unmit oder auf dem Umweg über Klinger entlehnt und glatt, gefällig nachformuliert. Das reale Objekt soll mythisiert werden. Es ist bekannt, daß seine durchaus mit mythologischen Körperteilen bedachten Nixen nach Aktzeichnungen entstanden sind. Aber bei dieser Prozedur verlieren die Münchner Madin und die Malerei zugleich ihre Frische. Die "Sünde" ist nicht Fleisch und nicht Fisch, kein Straßenmädchen (von Toulouse-Lautrec) und keine Madonna (von Edvard Munch), das Mädchen, "das Weib" mit der Schlange ist eine kokett stilisierte Zirkusnummer.

Es gibt unter den mehr als hundert Werken, die zur Eröffnung der Villa Stuck gezeigt werden, Besseres und Schlechteres als die "Sünde". Zu dem noch Schlechteren gehört die "Salome", zu dem Besseren gehören einige Landschaften, eine "Straußenjagd", viele Zeichnungen.

Sein Werk ist soziologisch relevant, es demonstriert bestimmte Bewußtseinsschichten des fin de siècle, Sehnsüchte, Wünsche einer Gesellschaft, in der Franz Stuck zum erfolgreichsten Maler avancierte. Aber muß man ihm deshalb ein Museum widmen, muß man die im Krieg nur halb zerstörte monströse Villa Stuck wiederherstellen, nur weil sich ein privater Mäzen bereit findet, die Restaurierungskosten zu übernehmen?