Von Nina Grunenberg

Seit die Philosophen darüber debattierten, ob die Frau eine Seele habe, scheint sie in Amerika niemals Gegenstand so vieler Diskussionen gewesen zu sein wie jetzt. Das altbackene und zähe Thema der weiblichen Gleichberechtigung ist in Bewegung geraten und imstande, Kontroversen zu verursachen, an denen sich selbst die moderne Wissenschaft beteiligt. Plötzlich ist es nötig, die Frauen wieder von Professoren erklären zu lassen; Anthropologen definieren ihren Ursprung, Psychiater sagen ihnen die Meinung. Sie werden untersucht, analysiert, beklagt, ermahnt und gepriesen.

Das Lob der Hausfrau, oft noch der Weisheit letzter Schluß, dient indessen immer mehr als Tranquillizer für erschrockene Männer. Diejenigen, die es eigentlich trösten soll, zeigen sich nur wenig interessiert. Es scheint, als habe unter Amerikas Frauen ein Prozeß der Bewußtseinsveränderung begonnen, der ihnen zumindest nicht mehr ohne allen Zweifel erlaubt, sich von der Gesellschaft ungefragt auf die traditionellen Rollen der Hausfrau und Mutter festlegen zu lassen. Langsam, und weniger zielsicher als entschlossen, erforschen sie die Möglichkeiten, die die moderne Gesellschaft einer gebildeten Frau außerdem noch zu bieten hat. Die starke Frauenvorhut, die das Terrain erkundet und Morgenluft gewittert hat, ist zu allem bereit, zur Partnerschaft, aber – wenn es sein muß – auch zum Sturm auf alte Bilder, um ihr Identitätsproblem zu lösen. Dabei lassen sie keine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung aus: weder die Ehe noch die Kinder, weder den Beruf noch den Berufswettbewerb mit dem Mann – alles auf einmal.

Diesen Typ der Amerikanerin, in der immer noch die Frau des Pioniers steckt, zu erleben, ist aufregend, seine Leistungskraft beängstigend. Sie und ihr Problem waren der Zweck einer Reise durch die Vereinigten Staaten gewesen, bei der ich zu Anfang immer wieder in die Gefahr geriet, mich mit meinen Gesprächspartnerinnen an Zähigkeit, Kraft und Ausdauer messen zu wollen, und am Abend erschöpft feststellen mußte, daß ich es nicht schaffen würde. Erst nachdem ich als Arbeitshypothese den besorgten Rat eines langjährigen Amerikakorrespondenten angenommen hatte: "Bei Ihrem Objekt handelt es sich um einen anderen Menschen, um eine fremde Rasse ...", war ich imstande, angestaute Aggressionen zu sublimieren und mich in der Rolle des staunenden Beobachters einzurichten. Unmöglich wurde es mir damit allerdings, so entwaffnenden Äußerungen wie "Unter der Haut im Herzen sind doch alle Menschen gleich" noch zuzustimmen: Die Amerikanerin ist anders, sie lebt anders, sie denkt anders, sie hat andere Wurzeln als die Europäerin. Sie kann noch sagen: "Es gibt für jedes Problem eine Lösung."

Ihr eigenes Problem wurde in Deutschland durch Betty Friedan populär, die Autorin des Buches "Der Weiblichkeitswahn". In einem vehementen Protest artikulierte sie vor fünf Jahren die Unzufriedenheitsgefühle der amerikanischen Hausfrau und forderte zum Feldzug gegen das Schlagwort "Geschlecht ist Schicksal" auf. Ihr Ruf nach einem neuen Lebensplan für die Frau und ihre Aufforderung, nicht nur durch Mann und Kinder am Leben teilzunehmen, sondern die Fähigkeiten auch in einem Beruf zu entfalten, das alles war nicht nur akademisch gemeint. Vor Jahresfrist gründete sie eine neue Frauenorganisation, deren Ziel die wirkliche Gleichberechtigung für das weibliche Geschlecht ist. In der Gründungsversammlung wurde die Regierung aufgefordert, die Frauen mit in das Programm der großen Gesellschaft für die Unterprivilegierten und Ausgestoßenen aufzunehmen. "Unsere Bewegung", so sagte ein Mitglied der neuen Organisation, "zentralisiert sich rund um die Möglichkeit, ein Mensch zu sein."

Die amerikanischen Leserinnen der Friedan distanzieren sich meist ein wenig nachsichtig von dieser Kämpferin für ihre Rechte, da ihnen das Air der Parole "Frauen aller Welt, vereinigt euch, ihr habt nichts zu verlieren außer euren Sklavenfesseln" nicht mehr zeitgemäß zu sein scheint. Nach Meinung jener Frauen, die im Washingtoner Arbeitsministerium mit an der amerikanischen Frauenenquete arbeiteten, sind kriegerische Gewaltaktionen eher schädlich als nützlich für das Ansehen der Frau in der Gesellschaft. Soweit dieses Ansehen von Gesetzen abhängt, fühlen sie sich – wie sie sagen – gut unterstützt. .

Der erste Satz der Enquete lautete: "Dies ist eine Aufforderung zum Handeln." Im Frauenbüro des Bundesarbeitsministeriums ist man sich aber durchaus darüber klar, daß die Statusverbesserung der Amerikanerin ein Langzeitprojekt ist, das nicht ohne den guten Willen des anderen Geschlechts zu verwirklichen ist.