1963 organisierte King den Protestmarsch in Birmingham, bei dem es blutige Zwischenfälle gab, und der Kennedy dazu veranlaßte, dem Kongreß ein umfassendes Bürgerrechtsgesetz vorzulegen, das dann unter Johnson verabschiedet wurde. Im gleichen Jahr noch sah man ihn an der Spitze jenes großen Zuges schwarzer und weißer Bürger, der nach Washington marschierte, um das Gewissen der amerikanischen Öffentlichkeit aufzurütteln.

Damals, 1963, schrieb Martin Luther King im Gefängnis von Birmingham einen Brief an acht Pfarrerkollegen, die sich kritisch über seine Aktivität geäußert hatten. In diesem Brief hat er seine Philosophie der Gewaltlosigkeit niedergelegt. Es heißt darin:

„Wir haben mehr als 340 Jahre auf unsere verfassungsmäßigen und von Gott verliehenen Rechte gewartet. In Asien und Afrika bewegen sich die Völker mit jet-hafter Geschwindigkeit auf die politische Unabhängigkeit zu, wir aber kriechen im Rhythmus des Pferdeschrittes dem Ziel entgegen, eine Tasse Kaffee im Restaurant trinken zu dürfen. Für die, die nie die schmerzenden Pfeile der Rassentrennung zu fühlen bekamen, mag es einfach sein zu sagen, ‚Wartet‘. Aber wer zusehen mußte, wie ein bösartiger Mob die Mütter und Väter lynchte, wer zusehen mußte, wie haßerfüllte Polizisten die schwarzen Brüder und Schwestern mit Füßen traten oder töteten, wer 20 Millionen dieser Brüder in licht- und luftlosen Käfigen der Armut, mitten in einer Gesellschaft des Überflusses schmachten sah, wem es plötzlich die Sprache verschlug, weil er seiner sechsjährigen Tochter erklären mußte, warum sie nicht auf dem öffentlichen Spielplatz, der gerade im Fernsehen angepriesen wurde, spielen darf..., der wird verstehen, warum es für uns schwierig ist, zu warten.“

In jenem Brief sagte der Doktor der Philosophie auch noch, daß Millionen von Negern, wenn die weißen Brüder seine Versuche, ohne Gewalt zum Ziel zu gelangen, nicht unterstützten, eines Tages ihre Zuflucht bei schwarzen, nationalistischen Ideologen suchen würden – „eine Entwicklung, die unvermeidlich zu einem fürchterlichen rassistischen Alptraum führen würde“.

Heute haben alle begriffen, warum das Buch Martin Luther Kings, das 1964 erschien, den Titel trägt „Why We Can’t Wait“ – warum wir nicht warten können. Sein Gegenspieler, Stokely Carmichael, sagte in der vorigen Woche in Washington, der Stadt mit der höchsten Zusammenballung schwarzer, städtischer Bevölkerung in Amerika – 67 Prozent der Einwohner sind Neger –: „Wir werden warten, aber nur, bis wir genug Gewehre haben.“

Die eigentliche Leistung Dr. Kings lag im Süden, wo es sich in erster Linie darum handelte, alte Gesetze abzuschaffen und neue einzuführen. Dort hat er präzise Vorarbeit geleistet und genausoviel Druck organisiert, wie notwendig war, um den Kongreß zur Einsicht zu bringen. Im Norden dagegen fand er eine ungleich schwierigere Aufgabe vor. Im Norden stellen die Gettos und Slums der Städte langfristige soziale Probleme dar, die soziologische Situation ist komplizierter, wirtschaftliche Rivalität zwischen Schwarz und Weiß spielen eine Rolle, alle Probleme sind viel differenzierter. Darum hat die Black-Power-Bewegung auch sehr viel mehr Rückhalt im Norden der Vereinigten Staaten gefunden, und es mag wohl sein, daß der Anwalt der Gewaltlosigkeit bereits gescheitert war, als die Kugel des Mörders seinem Leben ein Ende setzte.

Amerika hat vor zwanzig Jahren auf das Nachkriegselend Europas mit dem Marshallplan reagiert. Es hat fast zur gleichen Zeit mit dem Point-Four-Programm eine großzügige Hilfsaktion für die Entwicklungsländer eingeleitet. Wie es möglich gewesen ist, daß keine der folgenden Regierungen das Elend vor der eigenen Tür gesehen hat, wie es kam, daß man in Washington weitsichtig genug war, Weltpolitik im großen Stil zu treiben, daheim aber so kurzsichtig, daß man Jahrzehnte lang alles beim alten ließ – das ist ganz unbegreiflich. Doch steht es uns gewiß nicht an, den Amerikanern, die heute auf so schmerzliche Weise mit diesem Problem konfrontiert sind, solche Fragen zu stellen.