Von Ferdinand Ranft

Aachen

Der alte, 150 Jahre währende Streit um den Besitz der drei Aachener Reichskleinodien hat neuen Nährstoff gefunden. Der Anlaß: eine Dissertation des Düsseldorfer Gerichtsreferendars Fritz Ramjoue über die Eigentumsverhältnisse dieser Kunstwerke. Seit sie auf gewaltsame Weise aus dem Aachener Kirchenschatz entfernt und nach Wien gebracht wurden, beschäftigt ihr Schicksal immer wieder die große Politik. Drei österreichische Kaiser aus dem Hause Habsburg und Fürst Metternich griffen in den Streit zwischen Aachen und Wien ein. Auch Hitler spielte eine kurze Rolle in der Auseinandersetzung. Nach dem Kriege waren die österreichischen Bundeskanzler Raab und Gorbach, Bundespräsident Schärf, der Deutsche Bundestag, schließlich sogar Konrad Adenauer und sein Staatssekretär Globke mit den Aachener Reichskleinodien befaßt.

Ramjoué kommt in seiner Untersuchung zu dem Ergebnis, daß die drei Aachener Reichskleinodien, das Reichsevangeliar, die Stephansburse und der Säbel Karls des Großen, von jeher zum Aachener Kirchenschatz gehört hätten und die Wiener also keinen Anspruch auf sie haben.

In Wien reagierte man auf Ramjoues Thesen empfindlich. Der Direktor der Wiener Weltlichen Schatzkammer, Dr. Neumann, derzeitiger Verwahrer der drei Aachener Stücke: „Wenn aus dieser literarischen Arbeit Anspruchsforderungen entstehen sollten, wird sich die Republik Österreich zu wehren wissen. In unseren Augen sind die Aachener Stücke Reichseigentum.“

Die Geschichte der drei Aachener Reichskleinodien beginnt im dunkeln. Sichere Zeugnisse liegen erst im 14. und 15. Jahrhundert vor. Das Reichsevangeliar, eine aus der Schreibschule am Hofe Karls des Großen Ende des 8. Jahrhunderts stammende kostbare Handschrift, diente bei der Krönung der deutschen Könige zur Eidesleistung. Die Schwurfinger wurden auf die erste Seite des Johannes-Evangeliums gelegt. Die Stephansburse, ein Taschenreliquiar aus dem 9. Jahrhundert, enthielt nach der Tradition Erde, die mit dem Blute des heiligen Stephanus getränkt war. Bei der Krönung stand sie auf dem Konsekrationsaltar. Der sogenannte Säbel Karls des Großen schließlich, aus der Zeit um die Wende vom 9. zum 10. Jahrhundert stammend, wurde vermutlich erst in der Zeit des aufblühenden Karlskultes im 12. Jahrhundert auf Karl den Großen bezogen; er diente bei der Krönung als Umgürtungsingsignie.

Schon die ersten Zeugnisse der drei Aachener Stücke zeigen, daß sie im Gegensatz zu den Nürnberger Reichskleinodien (Reichskrone, Krönungsornat, Reichsapfel, Zepter, Reichsschwert, Reichskreuz und heilige Lanze) nicht Reichsinsignien, sondern Reliquien waren. Der Säbel Karls des Großen wurde 1376 in der Aachener Fronleichnamsprozession mitgeführt. Die Stephansburse wird 1429 zum erstenmal erwähnt. Nach einem Bürgeraufstand mußten alle männlichen Einwohner Aachens einen Eid auf die Reliquie leisten.