lese Zeitung wird sich bemühen, eine katholische Zeitung zu sein, auf eine so ursprüngliche Weise, wie es kaum jemandem mehr ins Bewußtsein kommt, wenn von katholisch die Rede ist – so umreißt Hans Suttner, Geschäftsführer der als Verleger fungierenden „Gesellschaft für Publizistik mbH, Frankfurt“ Ziel und Anspruch der neuen katholischen Wochenzeitung „Publik“, die am Gründonnerstag ihre Null-Nummer an Freund und Feind lieferte.

Seit die katholische Bischofskonferenz auf ihrer Frühjahrstagung 1967 in Bad Honnef den Beschluß faßte, eine Wochenzeitung zu gründen, die „den geistig lebendigen, an politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Fragen ernsthaft interessierten Leser ansprechen“ und ihn über „alle Vorgänge im katholischen Raum, über die Kirche in der Welt, über die theologischen Entwicklungen, über ökumenische Fragen und über alle jene Grenzbereiche“ informieren soll, „in denen sich Kirche und Theologie mit Wissenschaft und Technik berühren“, wurde das Objekt mit Kritik bedacht. Das, obwohl eine Umfrage des Allensbacher Instituts ergab, daß sich die katholische Intelligenz „im bisherigen publizistischen Angebot nicht repräsentiert fühlt“, obwohl das neue Blatt „nicht als Sprachrohr der Amtskirche, sondern als Organ des Katholizismus“ konzipiert wurde, obwohl diese Wochenzeitung „die Pluralität der Meinungen widerspiegeln und ein Forum der innerkirchlichen Diskussion sein“ sollte.

Die Kritik kam von allen Seiten: aus der Verlags- und Werbebranche, die 25 statt der von den deutschen Bischöfen investierten 15 Millionen Mark als Starthilfe für erforderlich hielt – „oder die Bischöfe blamieren sich auf einem Gebiet, auf dem sie nicht firm sind“; aus rechtsgerichteten CDU/CSU-Kreisen, die sich „um die parteipolitische Geschlossenheit“ sorgten und mit dem „Bayern-Kurier“ fürchteten, die neue Zeitung werde sich „zumindest durch die Suche nach der Distanzierung von den christlichen Parteien auszeichnen“; von katholischen Unternehmern, die nach einem Münchner Informationsdienst mit einer Verfassungsklage drohten, weil sie „nicht einsehen, daß die Kirchensteuer direkt oder indirekt für eine Zeitung aufgewandt wird, von der es heißt, daß sie mindestens so links sein wird wie die linkesten Diözesanblätter, und daß sie beabsichtigt, ihre Mitarbeiter aus den Reihen der Leute zu holen, deren Programm in den Reden des Paradekatholiken Heinrich Böll so plastisch formuliert wird“; von bayerischen Prälaten, die argwöhnten, es gehe „den Bischöfen nur um Führungsanspruch und Repräsentation“; vom Provinzklerus, der in seinem Leib- und Magenblatt „Deutsche Tagespost“ das „Gerede von der Pluralität im deutschen Katholizismus für unverständlich“ hielt; schließlich von verantwortungsbewußten Zeitungswissenschaftlern, die zu bedenken gaben, daß die Stellenbesetzung „von der Präsenz der Kirche her gesehen ein vermutlich unersetzlicher Verlust sein wird, denn die frei gewordenen Redakteursessel könnten nicht wieder mit gleichwertigen Katholiken besetzt werden“.

Schließlich kam Kritik auch von der Konkurrenz. Schon bald nach Bekanntwerden des Planes erinnerte der „Mann in der Zeit“ daran, daß „etliche katholische Blätter sich bereits dem Anliegen der geplanten Zeitung“ widmeten, und das von vier nordrhein-westfälischen Bischöfen herausgegebene „Echo der Zeit“, von dem es hieß, es solle in die neue Wochenzeitung eingebracht werden, beeilte sich, seinen Standort noch weiter rechts zu artikulieren.

Am ärgsten betroffen von der kommenden Konkurrenz scheint sich der „Rheinische Merkur“ zu fühlen. Am gleichen Tage, da die Null-Nummer von „Publik“ erschien, veröffentlichte diese Wochenzeitung auf ihrer letzten Seite ein Memorandum „In eigener Sache“.

Zwar wird darin den Bischöfen „natürlich das Recht“ zugestanden, eine katholische Wochenzeitung zu gründen und sie „ganz nach ihrem Belieben einzurichten“. Aber teils offen, teils verversteckt, müssen sich die Bischöfe doch sagen lassen:

  • sie mißbrauchten die Summe von 15 Millionen Mark, jene auf fünf Jahre zur Verfügung gestellte Subvention, die von den Diözesen aufgebracht werden soll;
  • sie handelten unverantwortlich, da sie darauf verzichteten, vor der Gründung „Fachleute“ zu fragen;
  • sie betrieben Irreführung, sie schöben ein 14köpfiges Gremium (die herausgebende Gesellschaft für Publizistik) vor, das Unabhängigkeit vortäuschen soll, der Leser jedoch werde „deren Meinung unweigerlich in Verbindung bringen zu den Männern, die diese Zeitung gewollt und ermöglicht haben“;
  • sie vergingen sich gegen den Geist des Konzils, da sie ein „unikonfessionelles Wochenblatt“ gründen wollen, statt „im gesellschaftlich-politischen Raum nach Zusammenarbeit mit den Christen anderer Bekenntnisse zu streben“, wodurch sie ein „merkwürdiges Dementi aller lautstarken Bekenntnisse zu ‚Offenheit‘ und ,Pluralismus‘“ abgäben;
  • sie seien Anachronisten, ihre Wochenzeitung sei „eine Antwort des 19. Jahrhunderts auf die Probleme im dritten Drittel des zwanzigsten“.

Der „Rheinische Merkur“ bemüht sich, laut eigener Aussage, um die gleichen Lesergruppen, nur ist er „in seinem geistigen Konzept und in seiner publizistischen Formel weit moderner, als die unikonfessionelle Bischofszeitung je werden kann“.

„Publik“ druckt auf den 21 Textseiten seiner 32seitigen Null-Nummer (10 3/4 Seiten bezahlte Anzeigen, 1/4 Seite Eigenanzeige, beigelegt ist eine 16seitige Tiefdruck-Illustrierte in halbem Format) 40 längere Artikel, 4 Dokumentationen und 30 Kurzmeldungen; rund ein Viertel (11 Artikel, 1 Dokumentation und 8 Meldungen) beschäftigen sich mit Catholica.

„Rheinische Merkur“ vom gleichen Tage (Nr. 15 vom 12. April) druckt neben 12 Kurzmeldungen 55 längere Artikel, von denen einer katholisch, einer protestantisch genannt werden kann, während zwei ökumenisch orientiert sind. Die Bischöfe könnten sich nach dieser Statistik fragen, ob denn die von „Publik“ angestrebte Lesergruppe tatsächlich vom „Rheinischen Merkur“ erreicht wird.

Ob die notwendigen fünfzehn Millionen aus Kirchensteuermitteln genommen werden mußten oder ob nicht besser Mutter Kirche auf anderes irdisches Gut verzichtet hätte zugunsten der Investition, sei dahingestellt.

Der „Rheinische Merkur“ erhielt unverhofft Unterstützung für seine Kritik an „Publik“ durch das gefürchtete Blatt selber. Stellt man sich einen Kreis von Bekannten zusammen, die dem Anspruch von „Publik“ gemäß für die neue Wochenzeitung als Leser in Frage kommen, die „katholische Führungsschicht“ also, und projiziert auf sie das, womit „Publik“ diese Leute zu bedienen beabsichtigt, kommt man aus dem Staunen nicht mehr heraus. Es kann nicht der Ernst der Redaktion sein wollen, auf so harmlose und an der Oberfläche bleibende Weise ihre „Führungsschicht“ informieren zu wollen. Mit Ausnahme eines ohne Zweifel interessanten Interviews mit dem Prager Bischof Tomasek und den beiden reich bebilderten Aufsätzen in der illustrierten Beilage huldigen alle „katholischen“ Artikel letztlich dem gleichen geistigen Minimalismus, mit dem allsonntäglich von großstädtischen und dörflichen Kanzeln herunter bedient zu werden gerade die Leute satt haben, die „Publik“ als Leser gewinnen will.

Bis zur Auslieferung der tatsächlich ersten Nummer (27. September) hat „Publik“ noch fünf Monate Zeit zu überlegen, wie eine Zeitung aussehen sollte, die „eine katholische Zeitung ist, auf eine so ursprüngliche Weise, wie es kaum jemandem mehr ins Bewußtsein kommt, wenn von katholisch die Rede ist“ – wenn es so etwas überhaupt gibt. t