Von Marcel Reich-Ranicki

Dagegen ist kein Kraut gewachsen. Da sind sie alle letztlich machtlos: die Religionen und die Ideologien, die Behörden und die Gerichtshöfe, die Geistlichen und Funktionäre, ja sogar die deutschen Spießbürger und die amerikanischen Hausfrauen.

Denn nichts und niemand wird aufhalten, was man gern als die sexuelle Revolution bezeichnet, Reaktion auf die jahrhundertelange Unterdrückung und Verketzerung des Eros und der natürlichsten Instinkte des Menschen.

Die Merkmale und Folgen dieser Gegenbewegung sind überall sichtbar. Man mag sie begrüßen oder bedauern oder mißbilligen. Wer sie aber ignorieren möchte, macht sich lächerlich. Und wer den heutigen Zustand auf den Einfluß der Literatur, der Kunst und des Films oder der Illustrierten, der Mode und der Werbung zurückzuführen versucht, dem unterläuft ein simpler Fehler: Er verwechselt Ursache und Wirkung.

Nein, nicht die moderne Literatur ist es, die den Alltag des Individuums sexualisiert hat; vielmehr hat das Leben die Literatur sexualisiert. Dieser Prozeß hat seinen Höhepunkt, glaube ich, noch nicht erreicht.

Wenn man sich nämlich vergegenwärtigt, in welchem Maße unsere Umwelt mit Sexualreizen jeglicher Art überflutet ist, wenn man bedenkt, welche Rolle dem Sexuellen in unserer Epoche eingeräumt wird und welche es auch tatsächlich spielt, dann will es eher scheinen, daß die Literatur, die deutsche zumal, der Entwicklung immer noch nachhinkt – trotz Koeppen und Arno Schmidt, trotz Grass und Martin Walser.

Weshalb eigentlich? Niemand in der Bundesrepublik kann, vorerst wenigstens, den Schriftstellern verbieten, zu schreiben, was sie zu schreiben wünschen. Im Grunde sind es nicht die Gesetze des Staates und nicht die Tabus der Gesellschaft und bestimmt nicht Feigheit oder Prüderie, die sie hindern, sondern vor allem die ungewöhnlich hohen Anforderungen, die sich aus dem Thema selbst ergeben. Wer sich seiner annimmt, stößt früher oder später auf eine fundamentale und nicht zu umgehende Schwierigkeit: Er muß sexuelle Empfindungen, Reize und Regungen benennen.