Von Hellmuth Karasek

In Brechts nachgelassenen dramatischen Fragmenten finden sich auch einige Szenen, mit denen der Stückeschreiber Shakespeares "Romeo und Julia" zu "erweitern" trachtete. Man erfährt darin, daß der jähe, kurze Liebesfrühling des stürmischen Paars nach Brechts Meinung auch mit den Seufzern und Entbehrungen ihrer Bediensteten bezahlt wurde. So muß Julias Magd, auf daß ihre Herrin Lerche und Nachtigall in den Armen Romeos hören kann, auf eigene Freizeitgestaltung verzichten. Hält man sich diese Szenen vor Augen, dann weiß man, welche Entdeckerfreude Brecht beflügelte, wenn er die großen Gefühle klassischer Helden auf den Buckel der "kleinen Leute" hin untersuchte, auf dem sie (für Brecht) ausgetragen wurden.

Benno Besson durfte sie als Regisseur 1952 an Brechts Bearbeitung des Moliereschen "Don Juan" vollstrecken. Dazu Brecht: "Der Glanz des Parasiten interessiert uns weniger als das Parasitäre seines Glanzes." Und weiter: "Wir sind gegen parasitäre Lebensfreude. Leider haben wir als Lebenskünstler nur den Tiger vorzuweisen."

Jetzt, da Benno Besson am Deutschen Theater in Ostberlin den "Don Juan" zum zweiten Male inszenierte, diesmal den des Molière, den er zusammen mit Heiner Müller neu übersetzt hat, ist zu fragen, ob er den Text wiederum gegen Molière wandte, wie Brecht es vorhatte, der der Vorlage ausdrücklich vorwarf, sie zeige die Sympathie des Autors für seinen Helden. Denn so sehr schon bei Molière Sganarelle auf dem Boden der Wirklichkeit zu ächzen hat, während sein Herr Kurzheiraten einzufädeln trachtet, und so sehr Brechts dramatische Entdeckung, daß es für jeden herrschaftlichen Juchzer auch einen geknechteten Seufzer geben müßte, richtig ist – zweierlei läßt sich dabei nicht übersehen: Einmal hat sich das nachbrechtsche Theater derartige Herr-Knecht-Umfunktionierungen an sämtlichen Schuhsohlen abgelaufen, so daß sie zur wohlfeilen Bühnenmechanik zu erstarren drohen. Zum andern läßt sich der Molièresche Frauenheld ebenso wenig zum Popanz und erotischen Kleiderständer verflachen, wie man aus seinem Diener einen ungetrübt ausgebeuteten Werktätigen machen kann.

Spricht man schon vom Gesellschaftlichen dieses Stücks – und das ist nur zu übersehen, wenn man sich alle Theaterkonvention vor die Augen hält –, dann muß man den Widerspruch bemerken, der den blasierten Helden zum aufgeklärten Rationalisten macht, während der Diener mit der Kirche, dem Aberglauben und der Moral mindestens zu Zeiten beide Hände über das lästerliche Leben und Treiben seines Herren vor Entsetzen über dem Kopf zusammenschlägt.

Bringt man Bessons "Don Juan"-Inszenierung (in Ostberlin munkelte man, daß sie die Abschiedsarbeit des Regisseurs am Deutschen Theater sein solle) auf eine erste grobe Formel, dann könnte man sagen, daß ihm Sganarelles Ambivalenzen gelangen und daß er den Don Juan streckenweise für eine lustige, aber leere Kleiderpuppe verlor. Dann wurde aus dem rationalen Bösewicht in einem irrationalen Zeitalter, aus dem schlechten Menschen mit den guten Gründen ein blasiertes Nichts, das blöde erblondet seine Skepsis zur bloßen Attitüde verflachte oder Bauernmädchen als gezierte Vogelscheuche eroberte. Reimar Johannes Baur jedenfalls siegte nicht durch Skrupellosigkeit auf dem Felde der Liebe, sondern vorwiegend, weil seine Umwelt zu rechnen verstand. Eigentlich nur im letzten Akt, in dem Don Juan als Tartuffe den Tartuffismus zynisch der Mollere-Zeit ins Gesicht schleudert, erreichte er die komplizierten Pervertierungen der Figur, in der sich gesellschaftliches Parasitentum auch als Dynamit gegen die gesellschaftliche Ordnung erweist.

Die Entdeckung des Abends war der Sganarelle Rolf Ludwigs. Hier gelang es Besson und seinem glänzenden Schauspieler, den Graben zwischen der (für uns) abgestumpften Klassizität Molières und der immer wieder in vielen Molière-Abenden mit unglaubwürdigen Theater-Albernheiten versicherten Volkstümlichkeit auf eine Weise zu schließen, daß man meinen konnte, ein nestroyscher, unmittelbarer Witz feiere seine Rückkehr auf die moderne Bühne.