In der vergangenen Woche:

Informationssendungen und Kommentare des 1. und 2. Programms

Da hoben die Demonstranten das Kreuz, da schlug man mit Latten, da spritzte das Wasser, da sah man verzerrte Gesichter, da wurde das Photo eines sterbenden Menschen gezeigt, da tauchten die Pferdeköpfe über den Stürzenden auf, da sprach man auf der Regierungsbank Worte, die manchem Christen wie die Worte des Landpflegers klangen: Ich wasche meine Hände in Unschuld; sie und nicht wir sind schuld daran; wir lassen nicht zuschanden machen, was wir aufgebaut haben; die Ordnung ist bedroht von einer kleinen Minderheit; ich aber weiß mich einig mit unserem Volke. Von den Ursachen der Empörung war – nehmt den einzigen Heinemann aus – in Bonn kaum die Rede; die Meinung des Konzerns war auch die Meinung der Regierenden.

Wer fragte da schon: Ist es im Sinn einer friedlichen Ordnung, wenn Zeitungen Jahr für Jahr an der Vervollkommnung eines Freund-Feind-Systems arbeiten, wenn alle Gegner, heute Schweitzer und morgen Paczensky und die Studenten und nützlichen Idioten, nach Hitlers Rezept unter einer einheitlichen Chiffre zusammengefaßt werden, der Spitzbart muß weg, die Kommunisten sind unsere Todfeinde, wenn die Gewalt der Linken verdammt, doch die Gewalt der Rechten anerkannt wird: sobald die Freunde gegen die Feinde, die braven Jungs gegen die Mauer und die friedlichen Bürger gegen den roten Terror aufmucken?

Wer fragte da schon: Ist es im Sinn einer friedlichen Ordnung, wenn statt der krummen Nasen die Bärte und statt der Plattfüße die langen Haare als Attribute des Teufels erscheinen? Wer fragte, wie es sich zusammenreime, daß man auf der einen Seite – und das sehr zu Recht – die steinschleudernden Anarchisten verdammte und auf der anderen Seite die friedlichen Ostermarschierer, dieses Jahr wie in den Jahren zuvor, als Schwärmer und verführte Marionetten verhöhnte?

Wer fragte schon, ob denn eine Politik glaubwürdig sei, die dem Herrn von Griechenland jene leichten Waffen zukommen läßt, die er zur Verteidigung westlicher Freiheit auf Leros und Jaros benötigt? Wer, unter den ihrer Sache so gewissen Pilati germanici, suchte in Erfahrung zu bringen, ob die Rebellion der Jugend, diese vielfach von nüchterner Erkenntnis und Moralität getragene Empörung, nicht gerade darauf abzielen wolle, den demokratischen Intentionen des Grundgesetzes wieder Geltung zu schaffen – Intentionen, die nach der Ansicht der außerparlamentarischen Opposition von Politikern mißachtet werden, deren Parteien einmal ein Ahlener Programm und eine Paulskirchenbewegung begrüßten?

Am Bildschirm zeigte es sich: Es werden zwei Sprachen gesprochen in unserem Land. Man redet aneinander vorbei. Nicht allein den Empörten, sondern auch den Fernsehkommentatoren, die fast einhellig die Regierungs-Replik als unzureichend empfanden, mißlang es, sich gegenüber den Politikern verständlich zu machen. Barzel und Schmidt verwiesen auf ihre Erfolge; Fehler wurden im Schubfach "Irren ist menschlich" deponiert, Versäumnisse lediglich darin gesehen, daß man, mit Kleinarbeit beschäftigt, die großen Ziele und Reform-Konzeptionen bisher nicht deutlich genug dargestellt habe; kritische Bestandsaufnahmen und von Zweifel und Kritik getragene Selbstanalysen fehlten vollkommen.

Acht Tage nach dem Attentat schien die Kluft so groß zu sein wie nie zuvor: Während die Söhne die Methoden Martin Luther Kings, die Praktiken des gewaltlosen Widerstands zu beherzigen anfangen, waschen die Väter die Hände in Unschuld. Aber der Unschuld ist Blut beigemischt, die Worte der Selbstgerechtigkeit schmecken nach Stacheln, und der Betrachter am Bildschirm dachte in dieser Woche an die Geschichte von jenem Mann, der, unentwegt nach oben schauend, die Sonnenwärme verherrlichte und dabei nicht spürte, daß die Hitze in Wahrheit durch die glühenden Kohlen zu seinen Füßen entstand, in die er mit fröhlicher Verblendung hineinschritt. Momos