Zwei unschuldige Todesopfer hat die Springflut der Gewalt gefordert, die Ostern die Bundesrepublik und Westberlin zu überschwemmen drohte. In München starben Mitte voriger Woche der 32jährige Pressephotograph Klaus Frings und der 27jährige Student Rüdiger Schreck an den Folgen der schweren Kopfverletzungen, die sie durch Wurfgeschosse erlitten hatten.

Bestürzt über die beiden Toten und aufgeschreckt von der Welle der Ausschreitungen, die dem Attentat auf den Berliner SDS-Ideologen Rudi Dutschke gefolgt waren, versuchten die Autoritäten in Stadt und Land seit Mittwoch voriger Woche wieder festeren Tritt zu fassen:

  • Das Bundeskabinett versicherte, es werde jede Gewaltanwendung mit allen gesetzlichen Mitteln unterbinden, aber auch die Grundrechte einschließlich des Rechts auf Demonstration schützen.
  • Bundesinnenminister Benda erklärte in einem Interview mit der "Welt", die rechtlichen Voraussetzungen für ein Verbot des SDS seien gegeben, doch müsse zuvor die politische Opportunität eines Verbots geprüft werden.
  • Der Innenausschuß des Bundestages sprach sich zunächst gegen eine Sondersitzung des Parlaments aus, doch kamen die drei Fraktionen später auf Veranlassung der FDP überein, noch am Dienstag nächster Woche im Plenum über die innenpolitische Lage zu debattieren.
  • Die Konferenz der Landesinnenminister zeigte sich entschlossen, Freiheit und rechtsstaatliche Ordnung mit allen legalen Mitteln zu gewährleisten; die vorhandenen Polizeikräfte reichten dafür aus.
  • Der Regierende Bürgermeister von Westberlin, Schütz, verurteilte die Ausschreitungen "auf das schärfste"; der Rektor der Berliner TU, Weichselberger, forderte am Montag das Aktionszentrum der außerparlamentarischen Opposition ultimativ auf, die Räume der Universität zu räumen, andernfalls er von seinem Hausrecht Gebrauch mache.

Auch in den Studentenvertretungen und politischen Hochschulgruppen begann man die Lehren aus dem Verlauf der Demonstrationen zu ziehen. Zwar entwickelten die Frankfurter SDS-Zentrale und die Berliner Universitätsvertretungen den feinsinnigen Unterschied zwischen der ("zulässigen") ‚Gewalt gegen Sachen" und der ("konterrevolutionären") "Gewalt gegen Personen". Doch sprachen sich der Verband Deutscher Studentenschaften (VDS) und die Repräsentanten verschiedener Universitäten gegen jede Anwendung von Gewalt aus. In Bonn bildeten elf politische Hochschulgruppen am Wochenanfang die "Deutsche Studenten Union" (DSU), die gegen den SDS Front machen will.

Nach den blutigen Ostertagen endlich zur Besinnung gebracht, suchten Obrigkeit und Studentenschaft das Gespräch: Die FDP-Führung traf sich noch am Mittwoch voriger Woche mit Vertretern des VDS, die später auch von der SPD-Spitze kontaktiert wurden. Am Dienstag erklärte sich schließlich auch der Regierende Bürgermeister, Schütz, bereit, öffentlich mit den Studentenausschüssen der Berliner Universität zu diskutieren.

Derweil begannen die Gerichte mit der Aufarbeitung des österlichen Schadens. Im ersten "beschleunigten Verfahren" wurde vorige Woche der 27jährige Gerhard Rothmann von einem Münchner Amtsgericht wegen Teilnahme an Aufruhr und Auflauf zu sieben Monaten Gefängnis ohne Bewährung verurteilt. Allein in Berlin ermittelt die Polizei in 300 Fällen.

Doch werden sich auch die Ordnungshüter rechtfertigen müssen. Der Frankfurter SDS sammelte Material über die Übergriffe der Polizei. Bei der Rechtshilfe der Außerparlamentarischen Opposition in München gingen bereits 50 Zeugenaussagen ein, die von Gewalttätigkeiten berichten. In Hamburg forderten Rektor und akademischer Senat der Universität eine parlamentarische Untersuchung über das Vorgehen der Polizei, die mit "brutaler Gewalt‘ eine friedliche Demonstration zerstreut habe.