Dutschke und seinesgleichen sind verbummelte Studenten, die, wenn sie nicht gerade Revolution machen, auf der faulen Haut liegen, natürlich auf Kosten des Steuerzahlers. So ungefähr hört man es hierzulande von vielen Bürgern, nicht nur von Taxifahrern, Gastwirten und Schwerarbeitern, sondern auch von weithin angesehenen Leuten in gehobener Position. Wer so denkt, ist schnell bei der Hand, "den" Studenten das politische Handwerk zu legen, sie unter Polizeikuratel zu stellen oder ihnen gar das Studium zu verbieten.

Nur – dieses Bild von der subventionierten Studentenschaft stimmt nicht mit der Wirklichkeit überein. Nicht mehr als zwölf Prozent aller Studenten in Westdeutschland und Westberlin erhalten Darlehen nach dem Honnefer Modell, zehn Prozent leben von öffentlichen Renten und Erziehungsbeihilfen, aber 58 Prozent lassen sich ihr Studium vorwiegend von ihren Eltern finanzieren, und noch 13 Prozent müssen sich ihr Studium selber verdienen. Zwar sind diese statistischen Zahlen schon drei Jahre alt, aber sie dürften sich nicht wesentlich geändert haben – allenfalls ist der Prozentsatz der von den Eltern unterhaltenen Studiosi noch größer geworden.

Welch verzerrtes Bild vom Studenten sich in den Köpfen der Mehrheit unseres Volkes festgesetzt hat, spiegelt ein soeben erschienener Bericht wieder, den das Institut für angewandte Sozialwissenschaft (Infas) im letzten Jahr an Hand mehrerer Umfragen in Westberlin und der Bundesrepublik zusammengestellt hat. Ein Viertel der Befragten glaubt, daß die Studenten vom Staat leben, und nicht einmal die Hälfte hält es für möglich, daß die Eltern das Geld aufbringen. Verbreitet ist dieser Irrglaube besonders unter den Facharbeitern und den an- und ungelernten Arbeitern (29 und 33 Prozent); noch höher bei den weiblichen Angestellten und Beamten (40 Prozent).

Nur jeder vierte Bürger hat generell ein eher positives Urteil über die Studenten. "Daraus ließe sich folgern, daß die Zahl der Studentengegner schnell auf drei Viertel anwächst, wenn sich die Studenten nicht wohl verhalten." Diese Prognose wird durch die Blitzumfrage bestätigt, die das Ifak-Institut für den "Spiegel" nach den Osterunruhen in Westberlin erheben ließ: Unter den Befragten über 30 Jahre haben sich bei mehr als 80 Prozent die Sympathien für die Studenten verringert, bei den Berlinern zwischen 16 und 30 immerhin zu 69 Prozent. Diese Reaktion gleicht jener vom letzten Sommer: Wie das Infas-Institut herausfand, haben nach den Demonstrationen gegen den Schah 83 Prozent der Berliner das Verhalten der Studenten verurteilt oder abgelehnt, in der Bundesrepublik waren es 65 Prozent, während 13 unschlüssig blieben. In Westdeutschland wollten damals ganze zehn Prozent sich noch für die demonstrierenden Studenten einsetzen.

Wie sehr die Hetzartikel gewisser Springer-Blätter und die Pauschalurteile führender Politiker nach dem 2. Juni 1967 die Gefühle der Massen wiedergaben (oder aber sie überhaupt erst weckten) läßt sich aus den Infas-Ergebnissen allenfalls erahnen. 41 Prozent der westdeutschen Bevölkerung gaben damals den Studenten und nur 12 Prozent der Polizei die Schuld an den Ausschreitungen; ja, 53 Prozent meinten sogar, der erschossene Student Benno Ohnesorg habe sich sein Schicksal selber zuzuschreiben, obwohl doch bekannt gewesen sein sollte, daß er nicht zu den Linksrebellen gehörte und nur aus Neugierde auf die Straße gegangen war. Die Hälfte der Westdeutschen fand das Verhalten der Berliner Polizei verständlich oder völlig richtig.

Noch krasser fielen die Ergebnisse in Berlin selber aus. Hier billigten drei Viertel der Bevölkerung mehr oder weniger das Vorgehen der Polizei, ein Viertel sogar uneingeschränkt. Auffallend ablehnend gegen die Studenten war in Berlin die Arbeiterschaft (ohne Facharbeiter). Nur sechs Prozent mißbilligten die "Leberwurst"-Taktik des Polizeipräsidenten Duensing, während es in der Bundesrepublik, wo man nicht so um die Arbeitsplätze bangt wie in Berlin, immerhin fast 50 Prozent waren. Und je mehr Studenten und Polizei in den Monaten vor dem 2. Juni aneinandergerieten, desto stärker wurde die Kritik des Volkes an den Demonstranten. Die Zahl der studentenfeindlichen Berliner stieg binnen weniger Monate von 60 auf 80 Prozent. Dieser Anstieg ging vor allem auf das Konto der an- und ungelernten Arbeiter, ein Zeichen dafür, daß diese sozial schwächste und gefährdetste Gruppe der Gesellschaft überhaupt nicht von den marxistischen Parolen der Linksstudenten erreicht worden ist.

Die neueste "Spiegel"-Umfrage scheint allerdings die optimistische Annahme der außerparlamentarischen Opposition in Berlin zu rechtfertigen, daß sie Ostern einen ersten Einbruch in die Schicht der jungen Arbeiter und Angestellten erzielt habe. Während in der Altersklasse über 50 allein bei den Arbeitern 72 Prozent den Studenten das Recht zum Protest absprachen, hielten in der Altersklasse von 16 bis 30 unter den Arbeitern 32 Prozent, in der Gruppe zwischen 30 und 50 sogar 35 Prozent die Protestaktionen für berechtigt. Vergleicht man diese Resultate mit den Ergebnissen der Infas-Umfrage vom Ja-Januar, Februar letzten Jahres – nach den ersten größeren Demonstrationen auf dem Kurfürstendamm –, so scheinen sich in der Arbeiterschaft die Sympathien für die Studenten tatsächlich vermehrt zu haben. Damals äußerten sich 31 Prozent der Facharbeiter und 24 Prozent der an- und ungelernten Arbeiter positiv über die Studenten (wohlgemerkt, ein halbes Jahr vor den Schahdemonstrationen). Nach dem 2. Juni verringerten sich diese Sympathien bei den Facharbeitern auf zehn, bei den anderen auf null Prozent.