R. S. Bonn, im April

In vertraglich gesicherter Routine, aber ergebnislos in der Hauptsache, verliefen die Bonner Gespräche zwischen Couve de Murville und Willy Brandt am Montag. Mit höflicher Unnachgiebigkeit verwandelte Couve das von de Gaulle seinerzeit in Aussicht gestellte "Arrangement" zwischen der EWG und Großbritannien in ein unfaßbares Phantom. Kiesinger und Brandt glaubten nach der Pariser Konferenz vom Februar dieses Jahres sie könnten der französischen Zustimmung so gut wie sicher sein. Ihr Vorschlag: Die Zölle zwischen der EWG einerseits und Großbritannien sowie den anderen beitrittswilligen Ländern andererseits innerhalb von etwa drei Jahren zu senken – und zwar zusätzlich zu den Senkungen der Kennedy-Runde und im gleichen Maßstab, nämlich im Schnitt um 35 Prozent der zollbaren Waren, wobei die Senkungen bei den einzelnen Warengruppen variieren. Bei bestimmten Waren würden sie bis zu 50 Prozent gehen.

Dieses von Bonn vorgeschlagene Ausmaß der Zollsenkungen erscheint Paris zu groß und der Zeitraum zu klein. De Gaulle befürchtet, daß eine solche Maßnahme die von ihm verworfene Automatik des britischen Beitritts begünstigen könnte. Und von dieser Vermutung läßt er sich auch nicht durch die Versicherungen abbringen, daß Bonn gegen die Wünsche Frankreichs einen automatischen Beitritt Englands zur EWG auch nach einer bestimmten Zeit nicht in Betracht ziehen werde. Wie unter diesen Umständen der Ministerrat der EWG in Brüssel am 9. Mai über die von Couve ins Gespräch gebrachte "praktische Seite" des Arrangements aussichtsreich diskutieren soll, ist schwer erfindlich. Denn, selbst wenn die anderen EWG-Länder und Großbritannien für eine derartige zollpolitische Lösung zu gewinnen wären, würde dies die französische Mitwirkung voraussetzen.

Während die Außenminister in Bonn verhandelten, richtete der Bundeskanzler auf einer Wahlversammlung in Oberschwaben einen Apell an "unsere französischen Freunde", die mit Staatspräsident de Gaulle in dieser Sache getroffenen Vereinbarungen großzügig zu interpretieren. Doch die Hoffnung ist gering, daß diese Bitte um Großzügigkeit das Ohr jenes Mannes in Paris erreichen könnte, der sich all die Jahre hindurch in der England-Frage so hart und so kleinlich gezeigt hat.