Die Ehrungen der Toten des vergangenen und der Lebenden des kommenden Jahres – ein neuer Ehrenpräsident wurde gewählt und drei neue Vizepräsidenten – beschäftigte die knapp vierzig Mitglieder des deutschen PEN-Zentrums, die zur diesjährigen Generalversammlung am Freitag nach Kassel gefahren waren, so lange, daß die Geschäftssitzung am Freitag verlängert und am Sonnabend neu anberaumt werden mußte, damit auch die Ereignisse dieses Jahres zur Sprache kommen konnten.

Buchstäblich in letzter Minute wurde eine Resolution verabschiedet, in der dieser international angesehenste literarische Klub die Regierungen des Bundes und der Länder ersucht, sich den Forderungen der Studenten nicht zu verschließen, soweit sie berechtigt sind, nämlich besonders dort, wo sie die Hochschulreform und die Pressefreiheit betreffen.

Nur in dieser Resolution artikulierte sich der wachsende Unmut jüngerer Mitglieder, die alles bedauern, was den PEN als einen Klub älterer Herren mit vorzüglichen Manieren erscheinen lassen könnte.

Noch wollte Professor Dolf Sternberger, der Präsident der vergangenen vier und kommenden zwei Jahre, stolz darauf sein, "Der Autor und sein Erfolg" als Disputationsthema gewählt zu haben – was in Kassel freilich genausowenig zu interessieren schien wie das Hiroshima-Stück des Italieners Cappelli, das vor schönem, aber leerem Hause gegeben wurde. Immerhin verdanken wir Horst Krüger (der, vor Rudolf Krämer-Badoni und Siegfried Unseld, die Disputation einleitete) einige neuformulierte und immer wieder von neuem formulierenswerte Einsichten.

Aber es war wohl nicht nur das sommerliche Wetter daran schuld, daß der feierlich geschmückte kleine Saal sich nicht füllen wollte. Was es im allgemeinen zu hören gab, war nett, und bedenkenswert, und manchmal brillant formuliert – und zu einem großen Teil entsetzlich belanglos: kultivierte Plaudereien in einem Klub.

Warum sollte es keine gepflegten Klubs mehr geben, in denen kultiviert geplaudert wird? Einige, "die jüngeren" also, erwarten vom PEN-Club heute mehr. Gewiß leistet er auch mehr: Niemand hat sich wirkungsvoller für verfolgte Schriftsteller in aller Welt eingesetzt. Aber das genügt diesen "jüngeren" nicht.

Es ist noch nicht die Zeit, von einer neuen Konzeption zu reden. Es ist hier nicht der Platz, die Kasseler Bataille der Alten und der Jungen zu schildern.