Von Horst Krüger

Der in unserem Land sehr verbreitete und beliebte Satz, daß der Erfolg den Menschen korrumpiere, ist ein Gerücht, das deutsche Innerlichkeit ausgestreut hat. Da wird Öffentlichkeit diskreditiert, Gesellschaft herabgesetzt, da wird das Lob der exquisiten Elite gesungen, die über einer dumpfen Masse schwebt – mit einem Wort: Ressentiment ist am Werk.

Ich behaupte demgegenüber, die Hoffnung auf Erfolg ist eine legitime und natürliche Tugend des Tätigen. Sie steckt immer mit drin im Ganzen des menschlichen Tuns, und da auch Schreiben ein menschliches Tun ist, ist es natürlich und moralisch lobenswert, daß Autoren den Erfolg suchen. Sie brauchen ihn.

Ich weiß, damit setze ich mich in Widerspruch zu dem, was man die beste und edelste Dichtertradition in Deutschland nennt. Obwohl unsere freie Wirtschaft ganz auf dem Erfolgsprinzip aufgebaut ist, umgibt den Begriff des literarischen Erfolges noch immer ein Hauch des Zweifelhaften, wahrscheinlich Minderwertigen. Das Wort "Erfolgsautor" ist in Deutschland beinah ein Schimpfwort, wie das Wort "Unterhaltung" bei uns ja auch – mit Sicherheit in Verbindung mit Literatur – ein Schimpfwort geworden ist. Literatur ist für viele noch immer etwas zu Feinsinniges und Sublimes, als daß sie sich mit Gesellschaft zurechtfinden dürfte.

Scheitern muß man als Dichter, früh und unerkannt versterben wie Büchner, am besten von eigener Hand wie Kleist – um dann später entdeckt zu werden. Das erst hat literarischen Rang.

Erfolg korrumpiert und verdirbt das Beste in uns. Mißerfolg aber läßt immer noch einen Rest genialer Überlegenheit offen.

Schreiben ist ein seltsames und eigentlich anachronistisches Geschäft. Da sitzt also ein Mensch am Schreibtisch, mutterseelenallein, hat Papier vor sich, hat einiges im Kopf, hat einige Vermutungen und Entwürfe, der Autor: ho autos: er selbst.