Von Hans Gresmann

Die Ouvertüre zu den Vietnam-Gesprächen wurde durch propagandistische Breitseiten und polemische Unterstellungen eingeleitet. Wo die Gespräche stattfinden sollten – schon diese Frage bildete das erste Hindernis auf jenem klippenreichen Weg zum Ausgleich. Hanoi, das zunächst die Hauptstadt von Kambodscha vorgeschlagen hatte, hielt sodann Warschau für den besten Treffpunkt. Washington war dagegen – dies mit der Begründung, bei einem Gespräch in Polen sei nicht verbürgt, daß Amerikas asiatische Verbündete im Vietnamkrieg als Beobachter teilnehmen könnten.

Als Gegenvorschlag präsentierten die Amerikaner einen Strauß von fünf und dann noch einmal zehn Ländern in Asien und Europa – von denen die meisten noch nicht einmal diplomatische Kontakte mit Nordvietnam unterhalten. Das "Nein" kam prompt, so daß alle Orte, die bisher von einer Seite vorgeschlagen, jeweils von der anderen abgelehnt wurden. Kein Wunder, daß sich unter diesen Umständen die französische Regierung Chancen für Paris ausrechnet. Dort gibt es eine nordvietnamesische – und, was für den weiteren Verlauf der Gespräche wichtig werden könnte, auch eine südvietnamesische Vertretung.

Seit drei Jahren hatte Präsident Johnson wieder und wieder erklärt, seine Regierung sei – zeigte der Gegner nur das geringste Entgegenkommen – an jedem Ort und zu jeder Zeit zu Gesprächen bereit. Daß Washington jetzt von dieser unbedacht-rhetorischen Formel abzurücken sucht – was Hanoi weidlich auszuschlachten versteht –, ist allein noch kein Beweis dafür, daß die amerikanische Regierung zu Gesprächen weniger bereit ist als vorher. Aber es gibt andere Anzeichen für einen Stimmungswandel in der amerikanischen Hauptstadt.

Im Lager der Führenden hat sich die Zweiteilung in "Falken" und "Tauben" aufs neue akzentuiert. Das gilt auch und gerade für diejenigen, die Johnsons Ohr haben. Während ihm offenbar bei einer Beratung mit den "elder statesmen" der Rat zuteil wurde, auf Verhandlungen zuzusteuern, beginnt auf der anderen Seite der Chor der Harten, der nach den militärischen Rückschlägen im Februar eher verzagt schien, neue Durchhalteparolen anzustimmen: Der Gegner gerate in die Defensive, und deswegen müsse der partielle Bombardierungsstopp schnell wieder aufgehoben werden, um eine "Regenerierung" durch Nachschub aus dem Norden möglichst wirkungsvoll zu verhindern. Es ist dies eine neue politische Vertonung des alten Refrains: Wenn es militärisch vorangeht, warum dann verhandeln?

Johnson sollte diese Gaukeltöne aus bitterer Erfahrung zur Genüge kennen. Dennoch mag es sein, daß sein redegewandter Berater Walt Rostow, seit Jahren der einflußreichste intellektuelle Befürworter der Eskalation in Vietnam, den Präsidenten, wo er ihn schon nicht mehr überzeugen kann, doch zum Zögern und Zweifeln bringt.

Wenn es stimmt, daß Johnson irre geworden ist an Sinn und Chancen von Gesprächen mit Nordvietnam, dann hat dabei gewiß auch die vehemente Reaktion der asiatischen Verbündeten eine Rolle gespielt. In Washingtons erster Fühlungnahme mit Nordvietnam witterten sie den Beginn eines Verrats, und sie erneuerten eine Drohung, die schon seit vielen Jahren wie ein Alptraum auf der amerikanischen Asienpolitik lastet: Die Vereinigten Staaten könnten ihr Gesicht verlieren.