Von Gottfried Sello

Mit Schiele hat sich die Nachwelt blamiert", schrieb Ernst Stein vor vierzehn Tagen in der ZEIT, als er Siegfried Freibergs Schiele-Roman "Ihr werdet sehen ...." besprach. Blamabel erschien ihm die totale Vergessenheit, der Egon Schiele in der Tat anheimgefallen war. Man kann aber die Tatsache, daß er nicht nur unterschätzt und übersehen wurde, daß er jahrzehntelang überhaupt nicht vorhanden war, auch anders verstehen. Es liegt Logik darin, zwingende Notwendigkeit, daß Schiele dem Blickpunkt der Nachwelt entschwunden ist. Die generelle Entwicklung ist über Schiele hinweg- und von ihm fortgegangen, sie hat seine Leistung, seine künstlerischen Vorstöße, seine Konzeption nicht bestätigt. Er mußte so lange unsichtbar bleiben, bis er bei irgendeiner Wegbiegung wieder am Horizont auftauchte.

Der Fall Schiele liefert geradezu das Modell für die Legitimität temporärer Vergessenheit. Das Werk kann warten, drei oder vier Jahrzehnte, bis die Voraussetzungen für seine Rezeption gegeben sind.

Wien feiert den wiedererstandenen Maler, in seinem 50. Todesjahr. Sein Werk, das bisher nur partiell zu sehen war, wird jetzt im Frühjahr 1968 gleichzeitig in drei getrennten Ausstellungen in drei Wiener Kunstinstituten systematisch und in maximaler Ausführlichkeit dokumentiert. 70 Gemälde präsentiert die österreichische Galerie im Oberen Belvedere, das Historische Museum der Stadt Wien dokumentiert Leben und Werk, die Albertina bringt 125 Zeichnungen und Aquarelle, dazu, um das Phänomen Schiele in einen historischen und kunstgeographischen Zusammenhang zu stellen, ebenso viele Zeichnungen von Gustav Klimt.

Schiele war Schüler von Klimt, es ist keine Frage, daß er ihm viel verdankt, daß er thematisch und stilistisch Wesentliches von seinem Lehrer übernommen hat. Klimt und Schiele: der Nestor der Wiener Künstler und Literaten, Albert Paris Gütersloh, der sie selber noch erlebt hat, der mit beiden befreundet war, schildert ihre Beziehung in einem poetischen Vergleich. Sie hätten einander, trotz des großen Unterschiedes der Jahre, Klimt war fast dreißig Jahre älter, sofort verstanden, "der Knabe und der Mann, dieser Ganymed und dieser Göttervater der modernen österreichischen Malerei".

Klimt, der Olympier, stand, als der achtzehnjährige Ganymed ihm begegnete, am Ende einer gewaltigen Laufbahn, er hatte noch den Makartschen Prunk und Farbenrausch in sich aufgenommen, hatte sich den Glanz byzantinischer Mosaiken und mittelalterlicher Goldgrundmalerei angeeignet und mit der Melancholie des fin de siècle in einen feierlich ornamentalen Jugendstil verschmolzen. Was übernimmt Schiele wirklich von seinem Lehrer, außer dem erotischen Sujet, außer der Tendenz zur Zweidimensionalität, dem stark akzentuierten Umriß?

Schiele fängt da an, wo Klimt aufhört, er steht jenseits des Jugendstils, er will alles andere als ästhetisches Wohlbefinden und ornamentale Harmonie herstellen. Seine Akte unterscheiden sich radikal von Klimts Arbeiten, der auch die gewagtesten Posen mit elegantem Raffinement umschreibt. Schiele packt das Sujet mit brutaler Direktheit. Er ist ein scharfer und mitleidloser Beobachter seiner Modelle, halbwüchsiger Mädchen, die er (wie Gütersloh sich erinnert) sich aus der Nachbarschaft, von der Straße holte, angesprochen im nahen Schönbrunner Park, die sich in seinem Atelier räkelten, herumlagen, dösten und niemals posierten.