General Reinhard Gehlen blickt zurück

Von Marion Gräfin Dönhoff

Von General Wessel, der am 1. Mai Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND) wird, also Chef des Auslandsnachrichtendienstes der Bundesrepublik, den Reinhard Gehlen aufgebaut hat, gibt es viele Photos, und viele Menschen – Inländer und Ausländer, Soldaten und Zivilisten – kennen ihn. Seine letzte Station war Washington, wo er 1965 den heutigen Inspekteur der Luftwaffe, Steinhoff, ablöste.

Ganz anders verhält es sich mit seinem Vorgänger, der am 30. April in den Ruhestand tritt: General Gehlen ist unbestritten der Mann mit dem höchsten Geheimniskoeffizienten in der Bundesrepublik. Nur ein paar Dutzend Leute des öffentlichen Lebens kennen ihn persönlich. Nie hat er erlaubt, daß Photos von ihm gemacht wurden, und nur ein einziges Mal erwischte ihn ein Photoreporter, im Jahre 1957 in Hannover. Das war eine Panne, die den zuständigen Abschirmern einen kräftigen Rüffel eintrug, obgleich an Hand dieses Bildes, das ihn mit dunkler Brille und ins Gesicht gezogenem Hut zeigt, kaum jemand den Chef des BND identifizieren kannte.

In allen Archiven der Welt gibt es außer diesem nur noch ein Bild. Es ist vierundzwanzig Jahre alt und zeigt ihn im Jahre 1944 im Kreis einer Gruppe von Offizieren. Der Mann ohne Gesicht, so wird er häufig genannt. Aber das Image des Mannes, dessen Gesicht fast niemand kennt, ist viel ausgeprägter als das Image einiger derjenigen, die man immer wieder im Fernsehen oder in den Illustrierten bewundern kann (das nebenstehende Photo wurde noch nie veröffentlicht).

"Wie machen Sie es nur", fragte ich Gehlen, "daß Sie den Bildjägern immer wieder entgehen, die doch sicher ihren Ehrgeiz dareinsetzen, Sie aufzuspüren? Schließlich kennt man doch Ihren Wohnort außerhalb Münchens genausogut wie Ihre Arbeitsstätte in Pullach."

Der Chef des Geheimdienstes berichtet zu diesem Thema eine höchst belustigende Geschichte. Vor Jahren hatte er ein paarmal einen Studenten mitgenommen, der gelegentlich am Ortsausgang stand und durch Gesten kundtat, daß er nach München mitgenommen werden wollte; wie sich herausstellte, studierte er Medizin und beschäftigte sich nebenher mit Photographieren.